Das Dorf und die B-Plan-Leute

Ein Tweet des Filmers, Autoren und Journalisten Mario Sixtus hat gerade für einigen Wirbel gesorgt. Er sprach sich dafür aus, Leuten, die aufs Land ziehen, die Autos wegzunehmen. Dafür gab es zu Recht Gegenwind. Vor allem aber kreide ich Sixtus an, dass er die Frage nach Stadt und Dorf aufs Autofahren reduziert. Da steckt jedoch mehr dahinter.

Sixtus begründet auch, warum er den Leuten die Autos wegnehmen will.

Die Reaktionen auf seinen Tweet beschäftigten sich vor allem damit, dass Leute aufs Land ziehen, weil die Mieten in der Stadt zu hoch sind. Das mag eine Rolle spielen, kann es aber nicht allein sein. Denn seit Jahren ist zu beobachten, dass vor allem junge Familie die großen Städte verlassen und sich im Umland ansiedeln. Wegen der Ruhe, wegen der besseren Umgebung für ihre Kinder, wegen der größeren Grundstücke. Davon profitieren beide, die Menschen und die Dörfer.

Zuzug seit 30 Jahre

Schon in den 1980er-Jahren sahen alteingesessene Dorfbewohner ein wenig abschätzig auf die sogenannten B-Plan-Leute herab. B-Plan steht für Bebauungsplan und ist ein erster Schritt einer Gemeinde, wenn sie ein Neubaugebiet ausweisen will. Vor beinahe 30 Jahren entstanden solche Neubaugebiete am Rand vieler Dörfer. Bei den größeren sind sie etwas umfangreicher, bei den kleineren eher begrenzt. Aber es gibt sie fast überall.

Heute sind die B-Plan-Leute ein wichtiger Teil jeder Dorfgemeinschaft. Sie haben sich schnell eingefügt, tragende Rollen in Vereinen und Feuerwehr übernommen, die Dörfer belebt. Ohne die Zugezogenen wäre manches Dorf heute tot oder zumindest halbtot. In unserem Dorf hat die Zahl der Milchkühe nicht abgenommen, aber die Zahl der Milchviehbetriebe ist auf drei geschrumpft. Es waren früher an die 20. Auf den wenigsten Höfen wird noch Landwirtschaft betrieben. Bauernkinder sind weggezogen, um woanders zu arbeiten.

Das Dorf gerettet

Wären die Städter nicht aufs Land gezogen, hätte sich die Einwohnerzahl ähnlich dramatisch reduziert wie die Zahl der Milchviehbetriebe. Mindestens die Hälfte unserer 250 Dörfler ist einst aus der Stadt gekommen oder kommt noch immer daher. Der Zuzug hält unvermittelt an. Ja, die Leute fahren mit dem Auto in die Stadt, um zu arbeiten oder einzukaufen. Kann man es ihnen verdenken? Wobei die Fahrten zum Einkaufen dank Internethandel und die zur Arbeit dank Homeoffice weniger werden.

Mario Sixtus ist auf seinen Tweet hin städtische Arroganz vorgeworfen worden. Ich nenne es nicht Arroganz, sondern Kurzsichtigkeit. Wo wären unsere Dörfer – und unsere Städte – heute, wenn es die B-Plan-Leute nicht gäbe? Es gibt genug strukturschwache Gebiete mit sterbenden Dörfern in Deutschland. Seien wir froh, dass das nicht überall so ist.

Wer dennoch nicht davon ablassen möchte, sich über Pendler und Autofahrer auf dem Land aufzuregen, könnte seine Energie konstruktiver einsetzen: für einen Öffentlichen Nahverkehr außerhalb der Städte, der diesen Namen verdient.

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