Bundeswehrsprache: beräumt und mehrrollenfähig

An ihrer Sprache sollt ihr sie erkennen. Es gibt einen Jargon, den kann ich sofort der Polizei zuordnen. Ähnlich geht es mir mit der Bundeswehr. Es gibt Formulierungen, die gibt es so nur bei der Truppe und die sind als solche sofort zuzuordnen. Bundeswehrsprache ist im Zivilleben manchmal schwer verständlich.

Aufsitzen ist so ein Wort. Als Reiterin pflege ich aufs Pferd aufzusitzen. Bei den Aufklärern, mit denen ich öfters zu tun habe, wird auf Fahrzeuge aufgesessen und später auch wieder abgesessen. Ob das damit zu tun hat, dass die Aufklärer aus der Kavallerie hervorgegangen sind?

Gestattet mir einen kleinen Parforceritt durch die Sprache in diesem Fall des Heeres. Mit was hat das Militär zu tun? Mit Munition und Minen. Was tun, wenn die Minen weg müssen, um das Terrain wieder sicher zu machen? Beräumen. Bei den Soldaten werden Minen und Munition nicht geräumt, sondern beräumt. Räumen scheint sowieso ein schwieriges Wort zu sein. Im Einzelhandel etwa wird Ware verräumt.

Zurück zur Munitionsräumung, was im Bundeswehr-Sprech folgerichtig Munitionsberäumung heißt. Es gibt natürlich noch andere Formulierungen. Da heißt es: Das Gelände wird entmunitioniert. Was liegenbleibt, weil es zu tief liegt, sind „tieferliegende Störpunkte im Erdreich“.

Ist das Gelände frei von Munition und Minen und wird etwas darauf errichtet, muss das eines Tages seiner Bestimmung übergeben werden. Das wäre aber viel zu einfach. In der Bundeswehrsprache heißt die erstmalige Benutzung einer Einrichtung Erstbefähigung. Da muss man erst einmal drauf kommen.

Gelernt habe ich das alles auf dem Truppenübungsplatz Colberg-Letzlinger Heide bei Magdeburg. Dort üben Einheiten den Krieg. Die Gegner kommen aus der Stammbesatzung. Da wird’s wieder interessant. Die Soldaten im Güz (Gefechtsübungszentrum) sind, so weist es eine Broschüre aus, mehrrollenfähig. Das heißt jetzt nicht, dass sie sowohl die Rolle vorwärts als auch die Rolle rückwärts beherrschen. Es bedeutet vielmehr, dass sie in vielen Rollen auftreten können: als normale Soldaten, als Taliban, als Terroristen. Wobei das Prädikat mehrrollenfähig nicht auf Menschen beschränkt ist, wie das MELLS beweist. Die Abkürzung steht für Mehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörper-System und ist ein Panzerabwehrlenkwaffenwerfer (Himmel, was für ein Bandwurmwort).

Der Hang zu langen Worten beschert uns übrigens auch das schöne Bundeswehrwort Fahrtrichtungänderungabsichtsanzeiger. Im Zivilleben heißt das Ding Blinker. Ach ja, und der Laptop im Gelände (und ähnliches, auch typisch militärisches Gerät) heißt bei der Truppe Gefechtsfeldinstrumentierung.

Auf dem Truppenübungsplatz steht eine Geisterstadt namens Schnöggersburg, in der die Soldaten den Kampf in den Städten üben können. Der Ort wird aber nicht als Stadt bezeichnet, obwohl er gebaut ist wie eine Stadt. Nein, das ist keine Stadt, das ist in der Bundeswehrsprache ein urbaner Ballungsraum. Wobei mir noch nie ein nicht urbaner Ballungsraum untergekommen ist. Ballungsgebiete sind Gegenden, in denen viele Menschen auf engem Raum leben. Urban bedeutet städtisch. Gibt es dicht besiedelte Räume, die keine Städte sind? Vielleicht ein Mega-Dorf?

Der Hang zum eher komplizierten Wort wird auch bei einem anderen Begriff deutlich. Bei der Bundeswehr habe ich zum ersten Mal vom Sprachmittler gehört. Früher hießen die Dolmetscher. Dachte ich. Ich bin aber lernfähig. Sprachmittler ist der Oberbegriff für Übersetzer und Dolmetscher. Das sind Leute die sprachmittelnden Tätigkeiten ausführen.

Wir Journalisten sind auch eine Art Sprachmittler. Wir übersetzen komplizierte und unverständliche in verständliche. Bei der Bundeswehr ist da viel zu tun.

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