Bekanntschaft mit der WG-Zimmer-Industrie

Zimmer gesucht. Das Kind geht studieren, da muss innerhalb von gut zwei Wochen eine Bude her. Dumm nur, dass viele andere in einer ähnlichen Situation sind. Semester-Wechsel ist Buden-Wechsel. Auf der Suche nach einer Bleibe haben wir die Bekanntschaft mit der WG-Zimmer-Industrie gemacht.

WG-Zimmer, das klingt nach zwei, drei oder vier Leuten, die sich zusammentun, um eine Wohnung zu mieten und zimmerweise unter sich aufzuteilen. Bad und Küche gemeinsam und jeder sein Kämmerlein. Das gibt es, aber das ist selten. Vergesst das kuschelige WG-Gefühl, das es früher gab. Heute sind WG-Zimmer ein Bombengeschäft und die Suche danach ein Marathonlauf mit unsicherem Ausgang.

Freitagnachmittag, eine Straße in einer ungenannte bleiben sollenden Universitätsstadt. Auf dem Bürgersteig vor einem Mehrfamilienhaus aus der Zeit der Jahrhundertwende stehen 35 Leute. Meistens jung, dazwischen ein paar Eltern. Dann kommt der Wohnungsverwalter und es geht los. Jeder bekommt eine Liste mit Adressen, Zimmerangaben und monatlichen Mietpreisen in die Hand gedrückt.

Alle rein in die erste Wohnung. Links ein Zimmer, rechts ein Zimmer, dazwischen Küche und Bad. Die Zimmer oft klein und verwinkelt, ein Dachzimmer so niedrig, dass jeder über 1,70 Meter Größe in die Knie gehen muss. Mietpreis pro Monat: zwischen 350 und 400 Euro. Eine Wohnung nach der anderen wird abgeklappert, Straßenzug für Straßenzug. Manchmal liegen die Häuser direkt nebeneinander. Da hat jemand alle greifbaren Wohnungen aufgekauft und in Wohngemeinschaften umgewidmet.

Nicht immer ist das Bad sauber, nicht immer die Küche aufgeräumt, nicht immer der Standard zeitgemäß. Bei Interesse soll das jeweilige Zimmer angekreuzt werden, dann bitte noch drei Gehaltsabrechnungen der Eltern beifügen, die Immatrikulationsbescheinigung und natürlich Name und Adresse, dann teilt der Vermieter die Zimmer zu. Oder auch nicht. Alles sehr unsicher.

Nach und nach wird das Grüppchen immer kleiner, werden die Gesichter immer länger. Da hast du als Eltern irgendwann mal ein Haus gebaut oder gekauft, um deine Kinder gut groß werden zu lassen, und dann sollst du sie als Studenten in so eine Bude stecken. Die Stimmung sinkt, die Hoffnung auf eine ordentliche Bleibe auch. Und die Zeit drängt.

Da die Verwaltung die Zimmerbewohner zusammenpuzzelt, weiß der Mieter nicht mal, mit wem er demnächst unter einem Dach wohnt und Küche und Badezimmer teilt. Offenbar geht es bunt durcheinander mit Männlein und Weiblein. Will ich meine Tochter wirklich mit fünf mir unbekannten Kerlen in eine Wohnung ziehen lassen? Will sie das? Aber nein. Was ist, wenn die Mitbewohner sich nicht verstehen? Wenn sie sich nicht so verhalten, wie es sein sollte? Wenn es Streit um Putzen gibt oder gar Schlimmeres? Wenn vier Kerle meinen, eine Frau im Haus reiche zum Putzen?

Vor allem aber denke ich, dass da jemand eine prima Geschäftsidee hatte. Normale Wohnungen in Wohngemeinschaften umwandeln, für jedes Zimmer ordentlich kassieren bei verhältnismäßig wenig Aufwand. Vielleicht sollte ich meinem Kind nach dem Studium empfehlen, in die WG-Zimmer-Industrie einzusteigen. Das ist ein richtig großes Business.

Es gibt übrigens noch ein paar richtige Wohngemeinschaften in jeder Universitätsstadt. Und es gibt noch Wohngemeinschaften, die zwar von Vermietern zusammengestellt werden, aber viel, viel besser sind als die oben beschriebenen. Wir haben Glück gehabt und so ein WG-Zimmer ergattert. Gepflegt, voll möbliert mit neuen Möbeln, mit einer toll ausgestatteten Küche und großem Badezimmer und einem Vermieter, der nur Mieter zusammen wohnen lässt, die zusammen passen, vom Alter und vom Geschlecht her. Der Preis? Nicht mehr als für ein Zimmer in der WG-Zimmer-Industrie. Glück muss man haben.

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