Mein Handtaschenraub

Ich habe alte E-Mails aussortiert. Ab und zu muss man mal durch das Mailarchiv gucken und überholten und unnützen Kram rauswerfen. Dabei bin ich auf eine berufliche Mail von der Polizei gestoßen, die ich aus gutem Grund aufgehoben habe. Es war die OTS-Meldung über meinen Handtaschenraub und die Dokumentation darüber, dass ich ein einziges Mal in meinem Leben auf offener Straße die Contenance verloren habe.

Der Vorfall liegt bereits 13 Jahre zurück. Und nein, ich habe kein Trauma zurückbehalten. Ich weiß aber noch genau, was passiert ist. Es geschah vormittags auf dem Weg vom Parkplatz zur Redaktion. Die Handtasche hatte ich auf der rechten Schulter hängen. Plötzlich riss von hinten jemand daran. Ich habe eisern festgehalten und geschrien: „Lass los, Du Arsch.“ Wir haben ein bisschen hin- und hergezogen, dann ließ er los und rannte davon.

Ich habe mein Handy herausgeholt, sofort die Polizei informiert und bin dann auf Bitten des Beamten sofort zur nahen Wache gegangen. Überraschung: Am Eingang sagte mir der Polizist, der Verdächtige säße schon hinten im Vernehmungsraum. Der Handtaschenräuber war auf seiner Flucht in Richtung Wache gerannt und direkt vor die Motorhaube des Streifenwagens, der auf meinen Anruf hin losgefahren war. So schnell kann’s gehen. Ich habe meine Aussage gemacht und mich ein bisschen geschämt für den Spruch, den ich dem jungen Mann auf der Straße entgegengeschleudert habe.

Das war’s. Ich habe nie wieder etwas davon gehört, bin nie bei einer Gerichtsverhandlung gewesen, habe lediglich die am Trageriemen ausgerissene Tasche beim Schuhmacher reparieren lassen. Ach ja, und im Laufe des Tages habe ich noch die Polizeimeldung über den Vorfall bearbeitet und ins Blatt gehoben. Wer darf schon über seinen eigenen Überfall berichten.

Hier kommt sie nun, meine Heldenmeldung von der Polizei:

Handtaschenräuber gefasst

Richtiges Verhalten der Geschädigten und der schnelle Einsatz der Polizei wurden einem 17jährigen Handtaschenräuber zum Verhängnis.

Am 20.2.04, gegen 10.44 Uhr, versuchte der Täter einer Frau in der H.-Straße von hinten die Handtasche zu entreißen. Die resolute Frau hielt die Handtasche fest und schrie laut. Daraufhin gab der Jugendliche sein Vorhaben auf und entfernte sich in Richtung Ehrenfriedhof. Die Überfallene rief sofort über Handy die Polizei, gab eine detaillierte Beschreibung durch und löste damit eine Fahndung aus.

Im Rahmen dieser Fahndung sichteten zwei Beamte der Zentralstation einen Verdächtigen auf dem Wanderweg in der Nähe Berliner Ring. Da die Beschreibung passte, wurde der Jugendliche zur Personenfeststellung und weiterer Überprüfung zur Wache verbracht.

Zunächst sperrte er sich und leistete etwas Widerstand, gab dann jedoch auf und gestand die Tat. Bei seiner Durchsuchung fanden die Beamten ein Mobiltelefon, das vor kurzem in einer Schule entwendet worden war. Der wohnungslose Hamburger wird zur Zeit vernommen. Es steht noch nicht fest, ob er nach der Vernehmung wieder auf freien Fuß gesetzt werden kann oder dem Haftrichter vorgeführt wird.

Ein paar sprachliche Anmerkungen dazu. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal „eine Geschädigte“ werden würde. Ich war in dem Moment ein Opfer, aber eine Geschädigte? Dieses bürokratische Wortmonster würde ich nie sagen oder schreiben. Dass sich der Jugendliche von mir „entfernt“ hat, kann man so schreiben. Muss man aber nicht. Es geht konkreter. Der ist weggerannt.

Aber wie sagt eine Kollegin von mir immer über die Polizeisprecher: Die sind Polizisten und keine Journalisten. Dafür, das Polizeideutsch in vernünftige Sprache zu übersetzen, sind wir Redakteure da.

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