Das JPEG und die Grabbelschublade

Das JPEG und die Grabbelschublade

Fotos. Sie bestimmen mein Leben. Ich habe mich seit meiner frühen Jugend damit beschäftigt. Es gibt sie überall bei mir: In Alben, in einer Grabbelschublade (alle die, die ich nie geschafft habe einzukleben) und seit etlichen Jahren auf Rechner und Festplatten. Die Grabbelschublade wurde irgendwann nicht mehr bestückt. Als Fotos nicht mehr auf Papier, sondern als JPEG daher kamen, hatte sie ausgedient. Was aber, wenn auch das JPEG ausgedient hat.

Die Grabbelschublade kann mir niemand nehmen. Das JPEG schon. Vielleicht passiert das bald. Dieses Szenario entwirft Henning Wüst vom Lapplandblog. Er hat einen langen und sehr technischen Beitrag zu HEIF geschrieben, dem neuen Standardformat, dass nach seiner Kenntnis Apple einführen will. Henning äußerst sich dazu recht pessimistisch, sieht das Ende von JPEG gekommen und damit „den Verlust eines erheblichen Teils unseres kulturellen Erbes sowie der Dokumentation der Neuzeit“. Hennings Befürchtung: „Der größte Teil des digitalen Bildergedächtnisses wird derzeit im WWW publiziert. Wie lange künftige Browserversionen das bald veraltete JPEG-Format noch unterstützen werden, steht in den Sternen.“

Ich weiß nicht, ob er zu schwarz malt. Vielleicht. Aber der Gedanke, dass technische Neuerungen schwere Folgen für die Erinnerungskultur haben könnten, ist mir schon öfter gekommen. Spätestens bei Grundsteinlegungen, wenn in den Boden neuer Gebäude eine Zeitkapsel mit aktueller Tageszeitung, Bauplan und ein paar Münzen eingelassen wird, frage ich mich, ob die, die eine solche Kapsel vielleicht in 100 oder mehr Jahren finden, mit dem Inhalt noch etwas anfangen können. Ich weiß nicht, wie lange Tageszeitungen überdauern.

Ich weiß auch nicht, ob jemand vor 30 Jahren irgendwo auf der Welt eine Diskette in eine Zeitkapsel gesteckt hat. Was ich aber weiß ist, dass viele Jahrzehnte später kaum noch jemand in der Lage sein dürfte, den Inhalt einer Diskette sichtbar zu machen.

Wird es uns mit dem JPEG genauso gehen? Ist es irgendwann nicht mehr lesbar? Ich kann es mir gut vorstellen, so schnell, wie sich Technik weiterentwickelt. Seitdem das Papier von digitalen Formaten abgelöst worden ist, stelle ich mir diese Frage immer wieder. Unter anderem dann, wenn ich jemanden an einem Mikrofilmgerät sehe. Oder wenn jemand auf eine CD gebrannte Fotos vorbeibringt. Die Foto-CD schickt sich längst an, das Schicksal der Diskette zu teilen. Droht ein solches Schicksal auch dem JPEG?

Einen kleinen Vorgeschmack habe ich davon schon bekommen. Als ich mir einen neuen Windows-Rechner gekauft habe, war darauf ein Fotoprogramm voreingestellt, das offenbar keine JPEG öffnen kann. Ich nutze es einfach nicht, also alles kein Problem. Aber was, wenn sich das auswächst?

Da lobe ich mir die gute alte Grabbelschublade. Das ist natürlich keine Lösung. Also bleibt nur zu hoffen, dass JPEG überlegt, auch wenn HEIF kommt.

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