Zu viel Wirbel um George Michel?

Seit heute morgen läuft auf allen fast allen Kanälen, egal ob medial oder sozial, also social, die Nachricht vom Tod des Pop-Sängers George Michael. Wieder ist ein Großer gestorben, wie so oft in diesem Jahr. Und wieder kommen mir dieselben Gedanken dazu. Ist der Hype, die Aufregung, das R.I.P. nicht ein bisschen übertrieben? Ein Gedanke, den offenbar nicht nur ich hatte.

Ein Landtagsabgeordneter hat auf Facebook die Frage gestellt, ob es angesichts des Elends in Syrien, im Mittelmeer und sonst wo nicht unverhältnismäßig sei, für einen Musiker, der in Saus und Braus leben konnte und dem alle Türen offen standen so viele Beileidsbekundungen auszusprechen. Erwartungsgemäß erntete der Mann viele Kommentare, deren Autoren ihm zwar ein bisschen Recht geben, aber die Frage doch für falsch halten. Einer meinte gar, der Politiker habe eine Tretmine gelegt.

Aber hat er nicht Recht? „Ach, der ist tot“, habe ich heute morgen gedacht. Aber ich habe weder auf Twitter noch auf Facebook einen Post dazu abgesetzt, weder beim Tod von George Michael noch bei der eines anderen Stars, von denen in diesem Jahr so viele gehen mussten. Ich kenne die Musik, aber nicht den Menschen. Wie kann ich um jemanden trauern, den ich noch nie persönlich getroffen, mit dem ich noch nie ein Wort gesprochen habe? Den ich gar nicht kenne? Ich kann seinen Tod bedauerlich finden, aber trauern?

Fraglich ist auch, wie viel Trauer hinter einem schnell hingeschriebenen R.I.P. steckt, in einer fix geposteten Beileidsbekundungen? Ist das nicht nur ein Ritual, wie es die Sozialen Medien hervorgebracht haben und wie es nun immer weiter geübt wird. Wenn es viele machen, machen es viele nach und noch mehr und noch mehr und bald gehört es fast zum guten Ton.

Unsere moderne Medienwelt kreiert solche Rituale. Blumen, Kerzen, Botschaften niederlegen am Ort eines Verbrechens oder eines Unfalls? Das war früher undenkbar. Heute gehört es zur öffentlichen Trauer-Rhetorik wie das R.I.P. bei Facebook oder Twitter. Michael Jürgs hat es in seinem Buch „Seichtgebiete“ dargelegt. Die Trauer habe früher noch ihre Würde gehabt.

„Heute umarmen sich weinend Menschen vor einem bei RTL oder Sat.1 versendeten Tatort . . ., stellen Kerzen auf, legen Blumen hin und eilen dann sofort nach Hause, um sich bei der nächsten Übertragung von ebenjenen Sendern auf dem Bildschirm weinen zu sehen.“

So weit wie Jürgs will ich nicht gehen und mich nicht über die Trauernden erheben. Ich glaube, dass sie in den Momenten, in denen sie ihre Kerzen hinstellen und ihre Blumen niederlegen, echte Trauer empfinden. Auch Rituale, und nichts anderes ist es, können Menschen bewegen und Gefühle auslösen. Ob es nun Trauerbekundungen bei Facebook oder vor Ort sind. Es sind meiner Meinung nach echte Gefühle, die durch ritualisierte Handlungen ausgelöst werden, die es früher nicht gab. Darüber darf sich niemand erheben.

Was die Äußerungen des Politikers angeht: Die Menschen in Syrien, die Toten im Mittelmeer sind mir genauso fremd wie der Mensch George Michael. Dennoch sehe ich das Leid, das Sterben. Ich bin betroffen, ich finde, man muss dem massenhaften Sterben, ob an Land oder auf See, ein Ende setzen und muss Empathie mit denen haben, die so schrecklich leiden. Echte Trauer um einen Menschen aber kann nur empfinden, wer ihn persönlich gekannt hat. Deshalb ist alles andere dennoch erlaubt und richtig.

Und ja, ich finde den Wirbel um den Tod von George Michael auch unverhältnismäßig

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4 Kommentare

  1. Du hast das sehr gut in Worte gefasst. Mir geht es auch so.
    Und es ist, als ob es zweierlei Trauer gibt: Die für einen Menschen aus dem persönlichen Umfeld und die für Personen, von denen man vielleicht die Musik gekannt hat, ein Buch oder auch mehrere. Oder sonstwie einen (entfernten) Bezug. Aber die Person selbst ist einem nicht persönlich vertraut.
    Was ich auch schlimm fand und finde: Die Aussagen, dass all die Guten gehen mussten. Ein Teil von ihnen ist vom Geburtsdatum her im „Abgangsalter“ (bitte nicht als respektlos wahrnehmen), Andere haben ihr weniger langes Leben sehr intensiv gelebt, es ausgekostet und dabei mitgenommen was nur irgendwie möglich war.
    Jeder hat seine Zeit, mehr oder weniger lange.

    1. Liebe Margrit, da hast Du Recht, auch damit, dass dieses Thema viele Facetten hat. Je nachdem, von welcher Seite man es betrachtet, kommt man zu unterschiedlichen Schlüssen. Der Satz, dass all die Guten gehen mussten, beinhaltet für mich aber auch unterschwellig, dass die Schlechten geblieben sind. Ich weiß, dass das nicht so gemeint ist, aber ein bisschen klingt es so.
      LG, Susanne

  2. Ich sehe diese ritualisierten Trauerbekundungen als Ausdruck kollektiven Narzissmus‘ und wage es daher auch, über den Inhalt derselben zu urteilen. Ein narzisstischer Mensch kann – vereinfacht gesagt – nur trauern, wenn es um ihn selbst geht. Ein Anlass findet sich immer, am besten einer, der eine möglichst große öffentliche Aufmerksamkeit verspricht, von deren „Glanz“ etwas auf einen selbst abfärbt, wenn man tut wie es die meisten tun. Und die Masse weiß nun einmal zu fesseln und Gefühle zu evozieren, die man als Individuum nicht oder nicht in diesem Maße hätte.

    Zu einem Musiker kann man indes selbstverständlich eine persönliche Bindung haben, obwohl man ihn nicht kennt. Ich habe z.B. eine zu einem schon seit über 20 Jahren verstorbenen Musiker, dessen Musik und Texte mich seit meinem 15. Lebensjahr in vielfacher Hinsicht geprägt haben. Insofern weiß ich, dass Trauer über das Hinscheiden einer solchen Person ohne persönliche Kenntnis wirklich sein kann.

    1. Liebe Atalaya, kollektiver Narzissmus ist ganz schön hart, aber vielleicht steckt ein Körnchen Wahrheit darin. So ähnlich sieht es ja auch der von mir zitierte Michael Jürgs. Es geht nicht um den, der da gestorben ist, sondern um einen selbst.

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