Zehn Flüchtlinge starben: 20 Jahre Brand an der Lübecker Hafenstraße

Zehn Flüchtlinge starben: 20 Jahre Brand an der Lübecker Hafenstraße

Es gibt Tage im Leben, die vergisst man nicht. Niemals. Dieser eine, herausragende Tag in meinem Berufsleben ereignete sich heute vor 20 Jahren: An der Lübecker Hafenstraße brannte ein Asylbewerberheim, zehn Menschen starben, 35 wurden verletzt, viele von ihnen schwer. Ich war damals Polizeireporterin in Lübeck, und der Tag wurde zu meiner größten beruflichen Herausforderung.

Das alles ist nachzulesen und nachzuhören auf der Onlineseite der Lübecker Nachrichten, der Zeitung, für die ich damals gearbeitet habe und für die ich heute noch arbeite. Ich will nicht auf die Details dieses Tages eingehen, das habe ich bereits an anderer Stelle getan, vor zehn Jahren mit einem Bericht, diesmal mit einer Audio-Slideshow. Und davon will ich hier berichten, aber auch davon, was mir angesichts dieses Jahrestages durch den Kopf geht.

Oft wird er beschworen, der digitale Wandel im Journalismus. Wir Schreiber müssen nicht nur in Sachen Social Media fit sein, uns in der digitalen Welt bewegen, sondern auch neue Erzählformen wählen. Schrift und Foto, das hat bis heute seine Bedeutung. Aber daneben gilt es, den Lesern andere Formate anzubieten. Ich habe in den vergangenen Jahren schon das eine oder andere Video gedreht, aber eine Audio-Slideshow, das war neu für mich. Text sprechen, einfach so und ohne mich zu verhaspeln, das ist für einen Printjournalisten eine echte Herausforderung. Ich habe es nie gelernt, nie geübt.

Was tut also ein Schreiber, wenn er sprechen soll? Er schreibt sich erst einmal einen Text. Kein Problem, das mache ich jeden Tag, das geht mir schnell von der Hand. Der Online-Kollege hatte mich jedoch mehrmals ermahnt, frei zu sprechen, so als würde ich die Geschichte jemand anderes erzählen. Aber ich wollte doch nichts vergessen. Ich wollte Struktur in meiner Geschichte haben, einen Aufbau. Einfacher wäre es vielleicht gewesen, ich hätte ein Interview gegeben, wäre befragt worden. So aber sollte es aus dem Bauch heraus Linie haben, eine Linie, wie ich sie auch meinen Printtexten gebe.

Ich habe also versucht, meinen vorgeschriebenen Text zu sprechen, ohne auf den Zettel zu gucken. Was für ein Ansinnen. Es hat mich 25 Versuche – mindestens – gekostet, ohne Verhaspeln über die ersten drei Sätze hinauszukommen. Danach wurde es besser, und am Ende kam dann doch noch ein ganz passables Ergebnis dabei heraus.

Der zweite Gedanke, der mir zum Jahrestag dieser bis dahin schlimmsten Brandkatastrophe der Nachkriegszeit kommt, hat mit der derzeitigen Situation in Deutschland zu tun. Auch damals, 1996, hatten viele Flüchtlinge bei uns Zuflucht gefunden und mussten in Sammelunterkünften unterkommen. Das Haus an der Hafenstraße war so eine Sammelunterkunft. Danach sollten Flüchtlinge immer dezentral untergebracht werden – ein Vorhaben, das bis vor zwei Jahren durchgehalten wurde. Doch angesichts der Zahl der Flüchtlinge, die jetzt bei uns leben, ist das nicht mehr machbar.

Der damalige Lübecker Bürgermeister Michael Bouteiller hat im LN-Interview gesagt, er sehe heute ein anderes gesellschaftliches Klima als damals. Dennoch: Mich beschleicht die Angst, dass es auch heute wieder eine Brandkatastrophe wie vor 20 Jahren geben könnte, in der Menschen, die hierher vor dem Tod flohen, diesen Tod finden. Ich hoffe, dass es nicht passiert. Aber ich bin nicht sicher, ob diese Hoffnung in Erfüllung geht.

Das komplette Online-Dossier der Lübecker Nachrichten zum Brand an der Hafenstraße steht hier.

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