Ist nicht zeitgemäß noch zeitgemäß?

Es gibt Formulierungen, bei denen zucke ich stets leicht zusammen. Manche davon haben mit Zeit zu tun: „in unserer heutigen Zeit“ und „nicht zeitgemäß“. Was stört mich daran?

Hinter beiden Ausdrücken steht für mich ein gefühlter Vorwurf. Das sehen offenbar auch andere so.

„In unserer heutigen Zeit“ kommt meistens mit kritischem Unterton daher. Beispielsätze gefällig?

Gefühlter Vorwurf

„Entspannung ist ein seltenes Gut in unserer heutigen Zeit.“ „Was brauchen wir in der heutigen Zeit wirklich?“ „Gerade in der heutigen Zeit der Massenmedien ist es immer seltener geworden, dass Familien und Freunde sich versammeln.“ In vielen dieser Sätze wird ungesagt eine frühere, bessere Zeit heraufbeschworen. „In der heutigen Zeit, die von Schnelligkeit geprägt ist . . .“ „In der heutigen Zeit, in einer Ellenbogengesellschaft, geprägt durch Oberflächlichkeit . . .“ Klingt da nicht etwas Nostalgie mit? Oder gar der Vorwurf, dass die Welt nicht mehr so schön sei wie früher. Gerne in Verbindung mit „ist es wichtiger denn je“. Also: „In der heutigen Zeit, in der jeder nur an sich denkt, ist das Ehrenamt wichtiger denn je.“ (Subtext: Aber die Leute sind einfach zu egoistisch, um sich zu engagieren.)

Gefühlte Ermahnung

Ähnlich ist es mit „nicht mehr zeitgemäß“. Das führen gerne diejenigen im Mund, die damit andere manipulieren oder vielleicht auch nur ermahnen wollen. Damit meine ich vor allem diejenigen, die das im privaten Kreis sagen. Dass gewisse Gesetze – ich sage nur Majestätsbeleidigung – nicht mehr zeitgemäß sind, ist eine andere Sache. Aber wenn mir jemand sagt, meine Musik sei nicht mehr zeitgemäß, meine Hobbys auch nicht, dann hat das etwas Belehrendes und ist eine Einmischung. Deshalb zucke ich bei „nicht mehr zeitgemäß“ immer leicht zusammen.

Hat denn nicht jeder seine Zeit? Natürlich. Wir sind zu verschiedenen Zeiten sozialisiert worden, je nach Geburtsjahrzehnt. Meine Großmutter fand andere Dinge wichtig als ich, mein Kind hält vieles von dem, was ich tue, für nicht mehr zeitgemäß. Aber: Weder meine Großmutter noch mein Kind halten mir das vor.

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