Wir Aasgeier und Schmeißfliegen: Gedanken zur Katastrophen-Berichterstattung

Wir Aasgeier und Schmeißfliegen: Gedanken zur Katastrophen-Berichterstattung

Gestern war wieder so ein Tag, an dem wir Journalisten uns beschimpfen lassen mussten, weil wir unseren Job gemacht haben. Der Absturz des Fluges 4U9525 mit 150 Menschen an Bord hat den Reflex, über uns herzuziehen, wieder einmal ausgelöst, wie so oft schon. Die, die die Überbringer der Nachricht schlagen, sollten aber wissen, dass es dazu viele Aspekte zu bedenken gibt.

Was wollen die Leser und Zuschauer? Eine dürre Mitteilung im Stil von „Über den französischen Alpen ist ein Flugzeug abgestürzt. 150 Menschen sind dabei gestorben.“? Punkt, das muss reichen. Oder ist in solchen Momenten der Hunger nach Informationen nicht unendlich viel größer? Natürlich. Wir alle wollen mehr wissen. Wer aber sammelt Informationen, bereitet sie auf und verbreitet sie? Die Medien. Und das können sie nur, weil Journalisten sie sammeln. So weit, so gut. Woran sich die Kritik entzündet, ist die Art und Weise, wo und wie Medienmenschen das tun.

Wer Informationen sammelt, kommt nicht umhin, zum Ort des Geschehens zu gehen. In diesem Fall zu den Flughäfen, denn der eigentliche Unfallort ist nicht einmal für die Rettungs- oder Bergungskräfte sofort erreichbar. Am Ort der Informationsbeschaffung – Flughäfen, die Schule in Haltern – setzt nun die Kritik an. „Die Medien zeigen mal wieder ihre widerliche Fratze als Aasgeier“ heißt es in den sozialen Netzwerken, oder auch „Wir leben in einer wunderschönen Welt mit geistig hässlichen Menschen. Nicht wenige davon arbeiten bei sensationsgeilen Medien.“ Dann noch die Aufforderung an Journalisten: „Es steht Euch natürlich frei auf Eure Kollegen, die das Unfassbare tun, einzuwirken.“ Gemeint ist, dass die einen Journalisten auf die anderen einwirken sollen, keine trauernden Opfer oder Familienangehörigen zu zeigen.

Zunächst: Auch wir Journalisten haben Mitgefühl und Anstand, wir wissen, was sich gehört und was nicht. Aber ich bitte zu bedenken, dass wir bei unserer Arbeit oft Dinge tun müssen, die auch uns wehtun. Aber wir tun sie, weil die Leser und Zuschauer ein Recht auf Informationen haben und sie wollen. Wie wir dabei vorgehen, liegt nicht immer in unserer Hand. Zum einen sind wir Arbeitnehmer und haben Anweisungen zu folgen, Stichwort Arbeitsverweigerung. Zum anderen gehen verantwortungsvolle Journalisten so vor, dass sie erst Material sammeln, es dann sichten und entscheiden, was sie veröffentlichen. Was nicht aufgenommen, fotografiert, aufgeschrieben worden ist, kann nicht gesichtet und bewertet werden. Deshalb gilt am Ort des Geschehens, erst einmal alles zu nehmen, was sich an Informationen anbietet. Nicht veröffentlichen kann man später immer noch. Dieses Sammeln vor Ort passt nicht jedem und trägt uns oft Kritik ein. Wie oft habe ich an Unfallorten oder bei Bränden beschimpfen lassen müssen.

Zum Sichten der Informationen gehört es auch, die Richtlinien des Presserates zum Opferschutz zu beachten.

Richtlinie 8.2 – Opferschutz
Die Identität von Opfern ist besonders zu schützen. Für das Verständnis eines Unfallgeschehens, Unglücks- bzw. Tathergangs ist das Wissen um die Identität des Opfers in der Regel unerheblich. Name und Foto eines Opfers können veröffentlicht werden, wenn das Opfer bzw. Angehörige oder sonstige befugte Personen  zugestimmt haben, oder wenn es sich bei dem Opfer um eine Person des öffentlichen Lebens handelt.

Richtlinie 8.3 – Kinder und Jugendliche
Insbesondere in der Berichterstattung über Straftaten und Unglücksfälle dürfen Kinder und Jugendliche bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres in der Regel nicht identifizierbar sein.

Richtlinie 8.4 – Familienangehörige und Dritte
Bei Familienangehörigen und sonstigen durch die Veröffentlichung mittelbar Betroffenen, die mit dem eigentlichen Gegenstand der Berichterstattung nichts zu tun haben, sind Namensnennung und Fotoveröffentlichung in der Regel unzulässig.

Seriöse Medien beachten den Pressekodex. Dass andere ihn verletzten, gibt niemandem das Recht, alle Journalisten über einen Kamm zu scheren und sie als Aasgeier oder Schmeißfliegen zu beschimpfen. Wir, jedenfalls die meisten von uns, machen unseren Job mit Sachkenntnis und – ja – auch mit Mitgefühl. Aber wir stehen im Spannungsfeld zwischen Betroffenen und Konsumenten. Immer wieder. Und wir müssen damit umgehen.

Angesichts der Berichterstattung in manchen Fernsehsendern über die Flugzeugkatastrpophe hat übrigens auch mich gestern das Gefühl beschlichen, dass einige es übertreiben. Der Leser und Zuschauer will Informationen über das dürre Maß einer Polizeipressemitteilung hinaus. Aber es gibt einen gefühlten Punkt, an dem aus Informationen eine Überflutung wird. Auch diesen Punkt zu erkennen ist die Kompetenz seriöser Medien.

Zum Weiterlesen:

DWL.de findet, dass der verhältnismäßige Journalismus gestern von uns gegangen ist.

DJV-Chef Michael Konken fordert Journalisten auf, Respekt vor dem Leid der Angehörigen zu zeigen.

Heiko Kuschel hat in seinem Kommentar auf Citykirche Schweinfurt herausgearbeitet, warum Medien so arbeiten, wie sie es gestern getan haben: für uns.

Update:

Nach Tagen harscher Medienkritik freue ich mich, dass endlich jemand positive Medienkritik übt. Annette Baumkreuz schreibt in einem lesenwerten Blogbeitrag mit positiver Medienkritik einen Satz, der mich bestätigt.

“ Ich glaube, dass viele Journalisten Gewissensbisse haben, jedoch nicht in der Position sind, für eine gesamte Redaktion oder einen gesamten Verlag entscheiden zu können.“

Wir Aasgeier und Schmeißfliegen: Gedanken zur Katastrophen-Berichterstattung

5 Kommentare

  1. Hi Susanne,

    ich bin einer der Kritiker. Warum? Weil aus keiner Information ein Geschwurbel von Vermutungen und Möglichkeiten konstruiert wird, und hier in NRW gibt sich vor allem der WDR redlich Mühe seine Zuschauer zu verblöden.

    Es weiß keiner etwas. Punkt. Und zahlreiche Journalisten schreiben über „das Nichts“ seitenweise Artikel. Hätte, würde, wenn, kann sein. Mehr gibt es eben nicht. Und damit auch die Welt sieht wie engagiert unsere Politiker sind, fliegt man mit einer ganzen Delegation mal eben in das Unglückgebiet. Und dann? Was soll das? Hauptsache in den Medien, immer schön formatfüllend in die Kameras hinein.

    An der Unglücksstelle hat derzeit einfach keiner was zu suchen. Höchstens die Angehörigen und ggf. Betreuer.

    Versetze Dich mal in die Situation der Betroffenen. Du willst vielleicht einfach mal abschalten weil eh die Welt zusammengebrochen ist, und dann wirst Du beschallt von Radio, Fernsehen, Zeitung, Medienblogs.

    Auch hier sticht der WDR/ARD/ZDF glanzvoll hervor. Und um es so richtig dramatisch aussehen zu lassen, wird dann eine Psychologin vor die Kamera gezerrt. Heute gesehen im WDR-Fernsehen „Aktuelle Stunde“. Was soll der ganze Sch…?

    Es sind immer wieder die gleichen Infos die gezeigt und debattiert werden. Aus einer kurzen Pressemitteilung geht es dann direkt rüber zur Sondersendung der ARD/ZDF/WDR, die dann 45 Minuten Sendezeit verbraten.

    Ja, ich kann die von Dir erwähnten Kommentare mancher User nachvollziehen. Deine Position als Journalistin verstehe ich auch.

    Ich muss nicht in das Gesicht leidgeplagter Menschen schauen. Auch muss ich nicht alles wissen.

    Lieben Gruß

    Dieter

  2. Ich gehöre auch zur Kritiker-Front! Und ich halte meine Kritik an Eurem Vorgehen nach wie vor aufrecht.

    Versetzt Euch doch bitte mal in die Situation der Angehörigen und Freunde, die gerade eben erfahren haben, dass ihr Kind, die Frau, der Mann, die Mutter, der Vater, die beste Freundin oder der beste Freund bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen sind.

    Diese Menschen befinden sich gerade in der Phase des Begreifens, wobei sie es noch nicht mal verstanden haben. Über die Tragweite des Verlustes können sie sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht einmal vorstellen, denn das kommt erst wesentlich später.

    Und da kommt Ihr, mit Euren inhaltsleeren Berichten, die immer wieder die Unglücksstelle zeigt, irgendwelche hochwohlgeborenen Leute zu Wort kommen lasst, die ihrerseits immer und immer wieder äußern, dass man die Ursache noch nicht weiß.

    Klar, Ihr habt wenigstens den Anstand, keine trauernde Familie zu zeigen. Aber diese Omnipräsenz, die beinahe oder kurz davor ist, eine Massenhysterie zu verursachen, ist in diesem Punkt nicht nur gefährlich sondern nach meinem Dafürhalten auch recht ungerecht.

    Im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen immer und immer wieder die Jugendlichen aus Haltern. Aber es gab noch mehr Tote, die nicht aus Haltern kamen.

    Worüber man stattdessen alternativ berichten könnte, wenn man sich des Themas weiter annehmen möchte, liegt auf der Hand. Da seid Ihr Profis genug zu erahnen, auf was ich abziele.

    Auf jeden Fall finde ich, dass die momentane Art der Berichterstattung zu weit geht – auch wenn sie die zu Recht gesetzten moralischen Grenzen nicht überschreitet.

  3. Hallo Dieter, Hallo Martina,

    ich kann Eure Einwänder gut verstehen. Aber ich gebe zu bedenken: Aufgabe der Medien ist es nicht, sich um Angehörige oder Trauernde zu kümmern. Dafür sind wir nicht ausgebildet und dafür gibt es Profis.
    Aufgabe der Medien ist es, die Öffentlichkeit zu informieren. Die hat einen Anspruch darauf. Auch bei solchen Katastrophen hat jeder seine Aufgabe, und die der Medien ist klar definiert. Wir machen unser Programm – so bitter das klingt – nicht für die Angehörigen, sondern für die Millionen anderen.
    Dass in diesem Fall die Informationen zumindest am Anfang zu dünn waren, um damit so viele Zeitungsseiten oder Sendeplatz zu füllen, ist klar. Aber es gibt nun mal ein großes Informationsbedürfnis, und letztlich erfüllen wir nur das, was gewünscht wird.
    Wer daran zweifelt, den widerlegen die Klickzahlen zum Flugzeugabsturz.

  4. Hallo Susanne,

    und nun hat der Journalismus in diesem Falle seine Story. Oder auch nicht? Die Suche nach dem Schuldigen geht jetzt los. Jetzt werden vermutlich Angehörige und Freunde des Co-Piloten durchs Dorf getrieben. Im WDR fings heute schon an. Und aus gegebenem Anlass ein Link:

    http://www.t-online.de/nachrichten/panorama/id_73422400/berichterstattung-zu-flug-4u9525-zwischen-journalismus-und-sensationslust.html

    Hier wird von T-Online Schönschreiberei praktiziert. Schon der zweite Absatz ist eine Farce. Mir ist in meinem Umfeld keiner bekannt der in einen Schockzustand versetzt wurde. Ich möchte auch nicht am Geschehen teilhaben, weil ich einfach nicht betroffen bin.

    Noch eine Annmerkung zu den Klickzahlen. Natürlich laufen die Menschen erst einmal rum auf der Suche nach der Information. Schließlich muss das ein oder andere langweilige Leben mit spannenden Geschichten von anderen gefüllt werden.

    Lieben Gruß in den Norden

    Dieter

  5. Ich gehöre ebenfalls zu den Kritikern und halte meine Meinung dazu auch aufrecht – ich hatte ja im Laufe der Woche selber einen Beitrag dazu bei mir geschrieben.

    Wenn die Medien, so wie Du das geschrieben hast, sich auf die Beschaffung und Verbreitung von Informationen in Form von Fakten beschränken würden, dann wäre ja alles in Ordnung. Schlimm waren aber in der letzten Woche die Mutmaßungen, Verdächtigungen und die unsäglichen „Luftfahrtexperten“ verschiedener Sender. Bei denen musste man sich schon fragen, ob die überhaupt mal selber geflogen sind – sei es auch nur als Passagier.

    Dann doch bitte lieber eine 5 Minuten Zusammenfassung der vorliegenden Fakten über den Sender bringen als eine stundenlange Sondersendung mit Mutmaßungen.

    Das ist der Kritikpunkt.

    LG Thomas

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