Der Aufmarsch der Namenlosen

Ich war gestern auf einer Schulveranstaltung vom Kind. Zwei Tage hatten die Schüler an einer Jugendakademie ein pädagogisch wertvolles Seminar absolviert und präsentierten nun die Ergebnisse – kleine Filme und Theaterstücke – den Eltern. Eines der Themen lautete „Mein digitales Leben“ und drehte sich um die Gefahren des Internets und von Social Media, ohne beides zu verteufeln. Die Botschaft war allerdings klar: nicht zu viel von sich preisgeben. Und genauso hielten es leider auch die Redner.

Es ist wie immer bei solchen Veranstaltungen. Am Beginn werden die Besucher begrüßt und es wird allen gedankt, die sich eingebracht haben. Es gibt ein bisschen etwas zum Wieso und Warum zu hören. Vorgetragen zunächst von einer Vertreterin der Schule, dann von jemandem von der Jugendakademie. Aber wer hat da gesprochen? Die ersten beiden Rednerinnen gaben an, für wen sie sprechen. Aber erst der dritte Redner hielt es für nötig, seinen Namen zu nennen.

Ein Phänomen, das mir immer wieder begegnet. Leute reden zu anderen Leuten und sagen nicht, wer sie sind. Oder wenn sie es sagen, dann nennen sie nur die Funktion, aber nicht ihren Namen. Denken die alle, sie wären so bedeutend, dass jeder sie kennt? Oder ist es Gedankenlosigkeit. Bei Pressegesprächen habe ich wenigstens die Möglichkeit nachzufragen und danach bei mehreren Sprechern kleine Tricks anzuwenden. Bei Veranstaltungen mit Rednern und vielen Zuhörern ist das nicht möglich. Gebietet es da nicht die Höflichkeit, am Beginn der Rede zu sagen, wer man ist und wie man heißt? Oder ist das zuviel verlangt?

Seinen Namen und seine Funktion zu nennen, ist nicht nur eine Frage der Höflichkeit. Es hilft dem Zuhörer auch einzuordnen, was dort gesagt wird. Je nach Amt des Sprechers bezweckt er mit seiner Rede etwas, was sich dem Adressaten erschließen können muss. Der Satz „Als Vertreter der Bürgerinitiative xxx möchte ich . . .“ erlaubt wenigstens diese Einordnung. Ein Name dazu wäre dennoch schön. Aber wie haben die Teilnehmer des Seminars zum Thema digitales Leben so schön gelernt: bloß nicht zu viel von sich preisgeben.

2 Kommentare

  1. Hallo Susanne,

    ich finde auch, dass es das Mindeste ist, sich namentlich vorzustellen, bevor man eine Rede beginnt.
    Ein weiteres Phänomen ist, dass immer weniger Menschen ihren Namen am Telefon nennen, wenn sich mich beruflich kontaktieren. Denken die, dass ein Roboter am anderen Ende der Leitung spricht?! Daher muss ich des Öfteren nachfragen, mit wem ich es überhaupt zu tun habe. Schließlich melde ich mich ja auch mit Namen und nenne die Abteilung in der ich arbeite.

    Schöne Sonntagsgrüße
    Sylvi

    1. Hallo Sylvi,
      Du hast ja so Recht. Die Namensnennung scheint immer mehr auszusterben. Ich finde es auch ätzend, wenn sich Leute am Telefon nur mit ja oder hallo melden. Ich sage sogar am Handy meinen Namen, wenn ich abhebe. Das gebietet einfach die Höflichkeit.

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