Oradour sur Glane: Ein Märtyrer-Dorf als Disneyland

Oradour sur Glane: Ein Märtyrer-Dorf als Disneyland

Jeder kennt Lidice, das polnische Dorf, das die Nazis von der Landkarte radierten. Aber wer kennt Oradour sur Glane? Nicht so viele, aber wer es kennt, kann sich der Tragik des Ortes und seiner grausamen Geschichte nicht entziehen. Oder doch? Ich bin soeben zum zweiten Mal in meinem Leben in Oradour, dem Dorf im französischen Limousin, gewesen. Ein Besuch, der mich erschüttert hat. Aus dem Ort, in dem an einem einzigen Tag, ja in wenigen Stunden 642 Männer, Frauen und Kinder von den Nazis ermordet wurden, ist eine Art Disneyland für Touristen geworden. Trotz aller Mahnungen zu Stille und Gedenken, die zwischen den Ruinen des  ausgebrannten Dorfes herrschen sollten.

Das berühmte Auto von Oradour: Mancher Tourist würde sich am liebsten hineinsetzen.
Das berühmte Auto in den Ruinen  von Oradour: Mancher Tourist würde sich am liebsten hineinsetzen.

Ich habe eine besondere Beziehung zu Oradour. Nur 50 Kilometer entfernt wuchsen die Eltern meines Mannes auf. Mein Schwiegervater sah Oradour brennen, und auch sein Schwager sah den Feuerschein und den Rauch am Horizont. Es ist nur Zufall, dass Oradour und nicht das Dorf meiner Schwiegerfamilie damals, am 10. Juni 1944, zerstört und alle seine Einwohner ermordet wurden. Umso mehr empfinde ich den Schrecken dieses Ortes, in den am Nachmittag des 10. Juni 1944 die SS-Division „Das Reich“ einfiel. Alle Männer wurden erschossen, Frauen und Kinder in die Kirche gesperrt, wo sie bei lebendigem Leib verbrennen. 642 Menschen starben. Die Nazis steckten das Dorf an. Die Ruinen blieben unberührt, stehen heute noch so, wie sie die Deutschen vor 70 Jahren verließen, seitdem nur angegriffen von Wind und Wetter. Die ganze Geschichte des Massakers von Oradour wird in diesem Beitrag auf geschichtsthemen.de ausführlich geschildert. Ich will sie hier nicht wiederholen, sondern meine Erfahrungen und Gedanken mit diesem Ort schildern.

Ich war zum ersten Mal im März 1995 in Oradour. Damals lag der Eingang noch dort, wo er schon damals war, unten im Tag der Glane. Ein Tor, ein Häuschen mit Info-Material, mehr nicht. Wir waren damals ganz allein zwischen den Ruinen, kein Mensch weit und breit. Die bedrückende Atmosphäre teilte sich unmittelbar mit.

Mittlerweile hat das Département Haute-Vienne, in dem Oradour liegt, ein pompöses „Centre de la Mémoire Oradour-sur Glane village martyr“ am oberen Rand des Märtyrer-Dorfes bauen lassen. Ein Namensvetter von mir, der Président du Conseil Général und Sénateur de la Haute Vienne, Jean-Claude Peyronnet (nicht verwandt und verschwägert), hat am 5. April 1997 den Grundstein dafür gelegt. Das verrät eine Steintafel. Das Zentrum enthält eine Ausstellung, einen Bücherladen und den Eingang zum Märtyrer-Dorf. Davor sind riesige Parkplätze entstanden. Jetzt, in der Hauptferienzeit, stehen dort Wohnmobil neben Wohnmobil, die Leute haben ihre Picknick-Tische aufgeschlagen, daneben parken Busse, und das alles im Angesicht der Ruinen und des Todesortes von 642 Menschen. 130 000 Besucher kommen jedes Jahr nach Oradour.

Am Eingang zum Dorf mahnt ein Schild zu Ruhe und Gedenken. Tafeln weisen darauf hin, dass das Fotografieren verboten ist. Warum? Ich weiß es nicht. „En France il est interdit de photographier ce qui est un site sensible“, lautet eine Erklärung, die ich im Netz gefunden habe. Fotografieren verboten, weil es ein sensibler Ort ist. Ich habe das Centre de la Mémoire angeschrieben und um eine Begründung für das Fotografierverbot gebeten. Die Antwort steht noch aus.

Kontrolliert hat dieses Verbot niemand. Alle, wirklich alle haben dort fotografiert. Ich auch, nur nicht in der Kirche, wo die Frauen und Kinder verbrannten. Ich halte es für kein Problem, mit der nötigen Zurückhaltung zu fotografieren. Die hat aber nicht jeder walten lassen. Lachende Teenager, aufgenommen vor der Scheune, in der Männer erschossen wurden. Menschen, die fast ins Auto des Weinhändlers krabbeln, das ausgebrannt in den Ruinen steht. Massen, die sich zwischen zerborstenen Mauern hindurchschieben. Vielleicht ist ein Fotografier-Verbot sinnvoll. Aber es trifft auch die, die es richtig machen. Und es wird nicht kontrolliert. Warum also dann ein Verbot?

Oradour

Was ist aus Oradour geworden? Wo bleibt das Gefühl für diesen Ort? Unwillkürlich kam mir der Gedanken, was wohl die Opfer denken würden, sähen sie all dieses heute. Ein vermessener Gedanke?

Die geforderte und dem Ort angemessene Stille und Betroffenheit habe ich nur auf dem Friedhof des Dorfes gefunden. Dort, wo ein Mahnmal an das Massaker erinnert. Dort, wo die Grabsteine ganze Familien mit Fotos auflisten, die an diesem Nachmittag im Jahr 1944 ermordet wurden. Zu stark ist der Eindruck, als dass sich die Besucher ihm entziehen könnten.

Ich bin schockiert aus Oradour weggefahren. Wo ist das Grauen zwischen den Ruinen geblieben, das ich 1995 empfunden habe? Ja, ich kann verstehen, dass das Dorf von einer Mauer umfriedet ist, dass es jetzt ein Gedenkzentrum gibt, das die Geschichte erklärt, dass die Besucherströme reglementiert werden müssen. Ich kann auch verstehen, dass ich Oradour nicht für mich allein haben kann. Natürlich wollen auch andere dieses Monument einer grausamen Besatzungmacht sehen. Selbstverständlich sind Orte wie dieser Anziehungspunkt für Touristen. Ich kann nicht verlangen, dass das anders ist. Aber ich kann von den Besuchern verlangen, dass sie sich so verhalten, wie es angesichts von 642 Toten angemessen ist. Das ist nicht zuviel verlangt.

Meine zurückhaltenden Fotos:

Zum Centre de la mémoire d’Oradour geht es hier entlang.

Vor meinem Besuch in Oradour habe ich noch einmal das sehr gute Buch von Lea Rosh und Günther Schwarberg gelesen:

Ein weiteres Buch über Oradour, das ich aber noch nicht kenne:

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