Bauleitplanung – ein Hort der kryptischen Worte

In meinem Job als Lokalreporterin muss ich mich öfter mit Kommunalpolitik auseinandersetzen. Ein Thema, das ich nicht besonders liebe. Aber Job ist eben Job, und nun muss ich da durch. Zum Glück bescheren mir die Sitzungen viel Freude in sprachlicher Hinsicht. Wobei Freude wohl der falsche Ausdruck ist. Es ist eher das Erstaunen darüber, mit welchen Begriffen etwa in der Bauleitplanung hantiert werden. Da werden kryptische Formulierungen verwendet, und ich wundere mich oft, wie Feierabend-Politiker damit zurecht kommen.

Eines der schönsten Beispiele in jüngster Zeit war eine sogenannte faunistische Potentialanalyse, gern auch erweitert zur floristischen und faunistischen Potenzialanalyse. Eine solche Analyse untersucht, welche Auswirkungen ein Bauvorhaben auf Flora und Fauna hat. Deshalb ist sie oft mit einer artenschutzrechtlichen Prüfung verbunden. Da geht es um Landschaftselemente und Tierlebensräume, um Wirkfaktoren und Störungstatbestände, Vermeidungs- und Minimierungsmaßnahmen und um Ausgleichsmaßnahmen. Schön auch die Verbotstatbestände. Wenn ich mal zitieren darf:

Das Eintreten des genannten Verbotstatbestandes ist möglich, wenn die Abrissarbeiten während der Wochenstubenzeit der Fledermäuse stattfinden.“

Ich frage mich oft, welcher ehrenamtliche Lokalpolitiker Zeit, Nerven und Kenntnisse hat, sich seitenweise durch solche Texte zu arbeiten und das darin Vermerkte in seinen Beschlüssen zu berücksichtigen.

Es sind oft dicke Packen von Papier, die bei den Sitzungen vor allem der Bau- und Planungsausschüsse zu bearbeiten sind. Gutachten aller Art, Durchführungsverträge, Planzeichnungen, Textteile von Bebauungsplänen. Noch ein Zitat gefällig?

In den Schwerpunkträumen für Tourismus und Erholung soll dem Tourismus und der Erholung besonderes Gewicht beigemessen werden, das bei der Abwägung mit anderen raumbedeutsamen Planungen, Maßnahmen und Vorhaben zu berücksichtigen ist.“

Oder auch:

Die unbesiedelten Freiräume und Landschaftselemente sollen erhalten und von Besiedelung und touristischer Nutzung freigehalten werden.“

Auf dass kein regionaler Grünzug beschädigt oder belastet werde.

Ich will meine Leser nun nicht weiter damit quälen, sondern komme zum Potenzial. Das erfordert vor allem bei touristischen Bauvorhaben eine umfassende Analyse. In erster Linie, um etwas erlebbar zu machen. Das ist ganz wichtig. Ebenso wichtig wie das Definieren von Zielgruppen. Der Tourismus in Schleswig-Holstein hat drei definiert, in denen sich fast jeder wiederfinden kann.

Neue Familien: Familien mit Kindern unter 14 Jahren und mittlerem bis hohem Einkommen (Was bitte sind dann alte Familien?).

Anspruchsvolle Genießer: Singles von 39 bis 55 Jahren, Paare bis 55 Jahre ohne Kinder oder mit erwachsenen Kindern, jeweils mit einem Haushaltseinkommen von mehr als 2500 Euro.

Best Ager: Singles und Paare im Alter von 56 bis 75 Jahren.

Durch dieses Raster falle ich nun komplett durch.

Gucken wir mal weiter in Sachen Tourismus. Entscheidend sind noch die Profilthemen, die berücksichtigt werden wollen. Dazu gehören Essen & Trinken, Kultur & Freizeit, Natur erleben und Reiten. Schließlich noch die Mega-Trends, die da lauten Globalisierung, Die große Feminisierung, Individualisierung, Downaging (Verjüngung des Sozialverhaltens), Gesundheit (Wellbeing), aber auch Connectivity (Verbindung und Vernetzung). Das sind noch längst nicht alle, aber ich will es mal dabei bewenden lassen.

Bleiben die aktuellen Trends der Beherbergungsindustrie.

Budget Boutiques (designorientierte Hotels mit kleinerer Dienstleistung, also geringere Kosten bei gleichem Standard)

Grüner Luxus (Luxushotels mit Umweltzertifikaten)

Thematischer Luxus (Hotels mit Modethemen, etwa Missoni-Hotels von Rezidor oder Maison Moschino).

Local hero: (Erfahrungen mit Einheimischen, etwa über Übernachtungsportale oder beim Couchsurfing).

All das bekommen Lokalpolitiker von Vorhabenträgern – so heißen Investoren und Bauherren heute – auf den Tisch gelegt. Dann müssen sie sehen, wie sie damit klarkommen. Ich frage mich oft, ob die das wirklich alles durcharbeiten, denn in diesem Stil geht es oft über viele, viele Seiten. Zur Ehrenrettung unserer Lokalpolitiker muss ich sagen, dass sich anhand der Fragen feststellen lässt, dass sich viele die Mühe tatsächlich machen.

Ich dagegen plädiere für ein breit angelegte Bewegung für einfachere Sprache in Gutachten, Analysen und Bebauungsplänen. Eine Vorschlag, der kaum Wiederhall finden dürfte. Vergessen wir nicht, dass diejenigen, die diese Berichte verfassen, sich in ihrer Fachwelt bewegen und wenig Berührungspunkte nach außen haben. Und ganz ehrlich: Wenn ich mir die Gutachten so angucken, sind nur geringe Teile davon individuell geschrieben. Viele Vorbemerkungen, Beschreibungen, grundsätzliche Anmerkungen und Erklärungen des Verfahrens sind immer wieder gleich. Copy and Paste lässt grüßen.

Anmerkung: Dieser Text ist kein gesponserter Text. Die Links zu den Hotels sind einzig zur Illustration gedacht.

2 Kommentare

  1. Könnte man unnötig unverständliche Formulierungen so objektiv messen, wie etwa die Lufttemperatur, wäre ich sofort dafür, Verbote für unnötig komplizierte Formulierungen auszusprechen (z.B. Unwirksamkeit von Verträgen, kein Anspruch auf Honorar für Texter solcher Sprachmonster,…).

    Dann müssten allerdings sich auch Politiker die Blöße geben, daß sie oft nichts zu sagen haben, oder nichts wissen. Deshalb würden die solche Verbote niemals beschließen.

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