Total digital? Notizen aus der Provinz

TL und RL – Timeline und Real Life: Diese zwei Welten unterscheidet der Twitterer. Diese zwei Welten bestimmen das Leben der internetaffinen Deutschen. Internetaffin, komisches Wort. Bei uns Bloggern, Twitterern, Facebookern dreht sich vieles ums Netz. Aber es gibt noch eine Welt da draußen, und wir vergessen oft, dass es eine ganz andere ist. Oder wie es in diesem ZDF-Beitrag aus „Aus der Anstalt“ so schön heißt: „Mein Nachbar hat DSL, geht das auch irgendwann wieder weg?“

Dass Deutschland gespalten ist zwischen denen, die im Netz zu Hause sind, und denen, die es links liegen lassen, und denen, die es links liegen lassen müssen, sollen meine Notizen zeigen. Einfach so gesammelt wie erlebt.

Wollen und nicht können

„Ich schicke Dir mal ein Foto.“ „Bloß nicht.“ Komische Antwort auf ein Angebot, fix mal ein Bild von den Kindern via E-Mail an eine Freundin zu schicken. Auf den erstaunten Blick meinerseits kommt eine Erklärung, von der ich geglaubt habe, sie sei heute gar nicht mehr möglich. Das Internet der Freundin reicht schlicht nicht aus, um ein Foto aus einer E-Mail herunterzuladen. Sie wohnt ganz hinten auf dem Lande, in der letzten Außensiedlung des Dorfes, und verfügt bis heute gerade mal über ISDN.

Anderes Beispiel: „Ich habe ein Video online gestellt, kannst Du Dir ja mal angucken.“ Der Freund zuckt die Achseln. „Nö.“ „Warum nicht.“ „Das dauert bei mir Stunden, wir haben nur ISDN.“

Ich habe gestern Fotos verschickt an eine Agentur. Gesamtgröße der Mail: 22,5 MB. Schließlich sollte es druckfähiges Material sein. Das Verschicken der E-Mail hat 45 Minuten gedauert. Dorf-DSL eben. Wir haben auf dem Papier 1000er-DSL, in Wirklichkeit sind es deutlich weniger.

Online wie offline

Was sich da auftut, ist kein Abgrund zwischen Leuten, die das Internet lieben und Leuten, die damit fremdeln. Es ist der zwischen Stadt und Land, zwischen strukturstark und strukturschwach. Es gibt auch im Jahr 2013 noch Orte ohne oder sie gut wie ohne Internet. Hobstin zum Beispiel, ein Dorf in Ostholstein, wo sich online wie offline anfühlt. Und das wird noch eine ganze Weile so bleiben.

Ladezeit

Wie schnell ist das eigene Netz nun wirklich? Ich weiß, dass meines sehr langsam ist. Die Bundesnetzagentur hat im vergangenen Jahr eine Studie zur Netzqualität aufgelegt, die Ergebnisse liegen noch nicht vor. Nähere steht auf dieser Seite, auf der sich auch ein Link findet, mit dem man die Leistung des eigenen stationären Breitband-Anschlusses testen kann.

Dramatische Folgen

Kein Gewerbegebiet mehr zu vermarkten, kein Baugrundstück mehr zu verkaufen – das droht Gemeinden, die nicht über schnelles Internet verfügen. Die Kommunen selbst haben keinen Einfluss darauf, die Netzanbieter haben den ersten Zugriff, und erst wenn sie nicht wollen, dürfen die Kommunen tätig werden. Zu horrenden Kosten, die sie nur zum Teil über die Anschlussgebühren wieder hereinbekommen werden. Da tut sich so manche Kommune schwer, und die Zeitungslektüre bei uns im Norden zeigt, dass viele sich erst jetzt mit dem Thema beschäftigen.

Keine Urlauber mehr. Auch das könnte eine Folge mangelnden Netzausbaus sein. Große Teile der schleswig-holsteinischen Ostseeküste verfügen über ein Internet, das nur eine dürftige Übertragungsrate bietet. Und selbst das mobile Netz ist nicht viel besser, auch wenn die Telekom zunehmend LTE verfügbar macht. Aber woher kommen die meisten Feriengäste? Aus Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Bundesland mit umfassend verfügbarem schnellen Internet. Und das wollen Urlauber gerne auch nutzen, wenn sie nicht zu Hause sind. Touristiker von der Küste sehen mit Sorge, dass sie ihren Gästen nicht den gewohnten Standard bieten können.

Können und nicht wollen

Das brauche ich alles nicht! Eine Kollegin hat jüngst eine Glosse geschrieben, in der sie darauf verwies, weder über ein Tablet noch über ein Smartphone zu verfügen. Noch nie hat es so viele positive Leserreaktionen auf eine Glosse gegeben. „Bruk wi nich“, „Richtig so, wer braucht das schon?“ und ähnlich lauteten die Kommentare. Außerdem gab es viel Zustimmung, dass die Autorin diesen Dingen entsage.

„Da hast Du wieder einen schönen Blog geschrieben.“ Natürlich freut sich jeder Blogger über Lob, auch wenn es mündlich kommt. Aber Moment mal? Einen Blog geschrieben? Das war doch nur ein Artikel. Was ist ein Blog? Das ist eine Frage, die mich im Bekanntenkreis immer wieder erreicht. Wir in der Blogosphäre – schönes Wort – können uns gar nicht vorstellen, dass es Leute gibt, die das nicht wissen. Und wenn sie es wissen, so meine Erfahrung, ist ihnen nicht klar, dass es auf einem Blog ständig neue Inhalte gibt. Frei nach dem Motto: Ich habe im vergangenen November auf Dein Blog geguckt, den kenne ich ja jetzt. Alles schon gehört. Die Ahnungslosigkeit über Blogs ist nicht nur mir aufgefallen. Christina von Vanvox.de hat deshalb noch einmal ganz von vorn angefangen und einen Post „Was ist eigentlich ein Blog und was macht ein Blogger?“ veröffentlicht.

Viele Gründe für ein Phänomen

Was hindert also Menschen daran, dieses Internet intensiv zu nutzen? Die technischen Hürden, die mit Hobbys und anderen Interessen voll gepackten Leben der Älteren, wie es Antje Schrupp in diesem Beitrag vermutet? Die Scheu vor dem gar nicht mehr so Neuen oder vielleicht doch einfach die Tatsache, dass das Internet gar nicht überall so attraktiv ist, wie wir netzaffinen Leute denken. Und zwar einzig und allein aufgrund seiner Geschwindigkeit.

Ich vermute, es ist eine Mischung aus allem. Da sind die, die nicht wollen, die, die nicht können, die, die lieber etwas anderes tun und das Netz nur als Dienstleister für E-Mails oder Online-Käufe nutzen. Es geht nicht darum, immer online sein zu müssen. Es geht darum, es dann zu können,  wenn und wann man es will. Total digital – bis dahin ist es noch ein langer Weg. Und solange bleibt die Provinz bestehen – die Internet-Provinz mit langen Ladezeiten und die Provinz in den Köpfen.

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