Müssen wir wissen, wie Wolfgang Herrndorf gestorben ist?

Ich bin hin- und hergerissen. Ich habe vom Tod von Wolfgang Herrndorf gelesen, dessen Blog „Arbeit und Struktur“ ich erst vor Kurzem entdeckt und in dem ich mich dann festgelesen habe. Wolfgang Herrndorf beschreibt darin, wie ein bösartiger Gehirnturmor von ihm Besitz ergreift, wie er, Herrndorf, seinem Tod entgegen lebt. Am Mittag berichtet dann Herrndorfs Weggefährtin Kathrin Passig, der Autor habe sich gestern erschossen, sich selbst das Leben genommen. Mein erster Gedanke dazu: Müssen wir das wissen?

Es sind zwei Überlegungen, die mich bewegen. Da ist die journalistische. Wir Zeitungsjournalisten berichten üblicherweise nicht über Suizide, da die Nachahmungsgefahr, der sogenannte Werther-Effekt, zu groß ist. Seit Jahrzehnten ist es in seriösen Redaktionen üblich, über Selbstmorde nur dann zu berichten, wenn sie entweder in aller Öffentlichkeit stattfinden oder wenn der Selbstmörder ein Prominenter ist, siehe Robert Enke. Bei der Nachricht, Wolfgang Herrndof habe sich erschossen, ist mir sofort der Gedanke gekommen: Müssen wir das jetzt öffentlich machen? Widespricht es nicht der aus gutem Grund geübten Gepflogenheit, über Selbstmorde nicht zu berichten?

Hinweise zur Suizidprophylaxe gibt die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention.

Andererseits: Ist Wolfgang Herrndorf ein Prominenter? Er ist Bestseller-Autor, sein Blog wird viel gelesen, seine Geschichte ist in der Blogosphäre und in Literaturkreisen bekannt. Dennoch: Spielt die Tatsache, dass er seinem Leben selbst ein Ende gesetzt hat, in seiner Geschichte überhaupt eine Rolle? Herrndorf ist öffentlich seinem Tod entgegen gegangen. Er hatte nicht mehr lange zu leben, der Tumor hätte ihn über kurz oder lang umgebracht. Er hat sein langes Leiden nur abgekürzt. Wollte er, dass wir das wissen? Die Polizei hat den Selbstmord von Wolfgang Herrndorf laut DPA bisher nicht bestätigt. Sein Verlag teilte mit, ebenfalls laut DPA, er kenne die Todesumstände nicht. Einzige Quelle ist ein Tweet von Kathrin Passig.

 

Müssen wir also wissen, dass oder ob Wolfgang Herrndorf sich erschossen hat? Nein. Wir trauern um einen großen Schriftsteller, einen begnadeten Tagebuchschreiber, einen Menschen, der die schlimmste Geschichte des eigenen Lebens, das eigene Sterben, so unaufgeregt und dennoch fesselnd aufgeschrieben hat, dass wir ihm atemlos gefolgt sind. Ich muss wirklich nicht wissen, ob ein Tumor oder eine Kugel im Kopf sein Leben beendet hat.

5 Kommentare

  1. In der Tat ein heikles Thema, bei dem ich den Argumenten folgen kann, aber zu einem anderen Schluss komme: Wer seine Krankengeschichte öffentlich beschreibt, hat nach meiner Auffassung damit einen klaren Hinweis gegeben, dass er dieses Thema wahrgenommen wissen möchte. Grenzwertig allerdings finde ich den zitierten Tweet. Denn es mag von öffentlichem Interesse sein, dass Herrndorf seinem Leiden aus eigener Hand ein Ende setzte. Dazu muss ich aber in der Tat nicht wissen, wie. Das ist für mich eher der Stein des Anstoßes.

  2. Dem kann ich folgen. Die Details müssen wir wirklich nicht wissen. Dass er seinem Leben selbst ein Ende gesetzt hat, spielt für mich keine Rolle, aber vielleicht gehört es zur Geschichte dazu, nachdem er seine Krankengeschichte so öffentlich gemacht hat.

  3. Ich denke mal, seine Weggefährtin wird ihn gut genug gekannt haben, um zu wissen, was sie darüber mitteilen kann. Und wie ich ihn in seinem Blog verstanden habe, war der Verlust von Sprache für ihn unerträglich und wollte er sich dem nicht vollends ergeben. Insofern finde ich es nicht unerheblich, woran er gestorben ist, gerade weil er ein Mensch der Sprache war.
    Möge er in Frieden ruhen.

  4. Also ich glaube auch nciht, dass eine solche Information unbedingt nötig ist. Es hätte doch gereicht, wenn die Lebensgefährtin geschrieben hätte: Wolfgang Herrndorf sei verstorben. Ohne zu sagen, wie bzw. wodurch. Alle Leser des Blogs wären mit genug Informationen ausgestattet gewesen.

  5. Wolfgang Herrndorf hat sich in seinem Blog wiederholt damit auseinandergesetzt, welche Möglichkeiten jemand hat, seinem Leben ein Ende zu setzen, der es nicht mehr aushält – und auch, welche Schwierigkeiten es geben mag. Informationen zu diesem Thema – und auch der Austausch darüber – sind, denke ich, nicht nur für einen Todkranken wichtig. Und besides: Der Blog gehört zu den ermutigendsten Texten, die ich in den letzten Jahren gelesen habe.

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