Ist der Hexenschuss noch politisch korrekt?

Ich lese viel und ich lese auch Blogs und Artikel, die nicht aus meinem Dunstkreis kommen. Dazu gehören Texte der sogenannten Radikalfeministinnen. Denen muss ich mal ein Kompliment machen: Ihr wendet mein Denken. Dabei will ich das gar nicht. Bewusst gemacht haben mir das meine Rückenschmerzen.

Die Hexe hat ein Dauerfeuer auf mich abgegeben. Der Hexenschuss plagt mich jetzt schon eine ganze Woche und lässt mich manchmal nachts nicht schlafen. Und da war er plötzlich da, der Gedanke, ob die Bezeichnung Hexenschuss für das Phänomen noch zeitgemäß und vor allem politisch korrekt ist. Der Name kommt daher, dass die Menschen im Mittelalter glaubten, Krankheiten würden ihnen von übernatürlichen Wesen, in diesem Fall Hexen, durch einen gezielten Pfeilschuss zugefügt. Hier wird ein äußerst schmerzhafter Zustand, der jeden treffen kann, mit einem Namen belegt, der nicht nur eine Frau bezeichnet, sondern eine böse Frau. Wird damit der schlimme Zustand nicht explizit Frauen in die Schuhe geschoben, obwohl die doch gar nichts dafür können? Müssen wir den Hexenschuss umbenennen, zum Beispiel in Geisterschuss oder Rückenschuss? Ist das Wort frauenfeindlich?

Eine eher absurde Vorstellung. Denn zum einen gibt es ja keine Hexen, die sich darüber  beschweren könnten, dass sie damit herabgewürdigt werden könnten, dass eine Krankheit ihren Namen trägt. So war es beim Mongolismus, der in den vergangenen Jahren als Down-Syndrom oder Trisomie 21 Eingang in den Sprachgebrauch fand. 1965 richtete die Mongolei einen Antrag an die Weltgesundheitsorganisation und bat darum, den Begriff Mongolian Idiocy (Mongolismus) und seine Ableitungen aufgrund der negativen sowie rassistischen Besetzung nicht mehr zu verwenden. Eine solche Bitte ist von Hexen nun nicht zu erwarten. Aber allein dass mir der Gedanke, das Wort Hexenschuss könne nicht politisch korrekt sein, durch den Kopf schoss, macht mich nachdenklich. Ist es schon so weit, dass wir bei Wort extrem vorsichtig werden? Hat die Schere im Kopf die Oberhand gewonnen? Schreiben wir sozusagen nur noch auf Zehenspitzen, um bloß niemandem zu nahe oder auf die Füße zu treten, ob beabsichtig oder unbeabsichtigt? Wohin das führen kann und wie dicht die Fettnäpfchen stehen, hat Ruprecht Frieling gerade in einer lesenswerten Kolumne geschrieben.

Wie immer hat die Sache zwei Seiten. Es gibt Wörter, die stehen absolut auf dem Index. Alles, was an die Menschenverachtung der Nazis erinnert. Weshalb ich das Wort „ausmerzen“ nie benutzen würde, wie viele andere, viel, viel schlimmere Wörter auch nicht. Das N-Wort ist heute völlig zu Recht verpönt, mit der Zigeunersoße versus Paprikasoße habe ich dagegen so meine Probleme. Aber sei’s drum, von mir aus kommt nur noch Paprikasoße auf den Tisch.

Ich möchte aber nicht schon bei jedem auch nur entfernt verdächtigen Wort innerlich zusammenzucken. Ich möchte so schreiben, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Natürlich nicht ohne eine gewisse Achtsamkeit walten zu lassen. Aber manche angebliche Beleidigung oder Herabsetzung sehe ich ehrlich gesagt auch gar nicht. Vielleicht bin ich nicht genug darauf gepolt. Und das bisschen Bewusstsein, das mir der Hexenschuss verpasst hat, werde ich schnell wieder verdrängen. Ich lasse mich nicht wenden.

2 Kommentare

  1. Politisch korrekt wäre wahrscheinlich: Attacke einer Person, die zwischen den Welten wandeln kann.
    Schade, dass man mir das Zigeunerschnitzel und den Mohrenkopf verdorben hat. Jetzt muss ich auch noch meine Krankheiten ändern!
    Sabienes

    1. Liebe Sabienes, ich glaube, Hexenschuss dürfen wir alle auch weiterhin sagen. Angesichts meiner vielen Gender-Debatten in letzter Zeit habe ich nur festgestellt, dass ich in der Hinsicht sensibler bin als ich will. Ein bisschen ist das mit dem Hexenschuss also auch Satire.

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