Ich lese keine Bücher mehr

Ich weiß noch genau, wann es passierte. Und seitdem hat sich daran nichts mehr geändert. Ich lese nicht mehr. Früher habe ich Bücher verschlungen, drei, vier pro Woche. In jeder freien Minute habe ich meine Nase zwischen Buchseiten gesteckt. Und jetzt? Nichts mehr. Das hat gute Gründe. Gründe, auf die ich nicht mehr verzichten möchte.

Es begann mit dem Kauf eines Smartphones und setzt sich jetzt mit dem Weihnachtsgeschenk an mich selbst, einem Tablet, fort. Immer und überall ins Internet zu können, Blogs zu lesen, Fotogalerien durchzuklicken, welches Buch kann dagegen halten? Na klar, ich könnte meine Zeit aufteilen: ein bisschen Aktuelles im Netz lesen, ein bisschen im Buch lesen. Aber dazu müsste ich Zeit haben. Mehr als ein halbes Stündchen zwischen Tür und Angel. Und die habe ich nun mal nicht. Schon gar nicht, seit ich mir dieses Blog aufgehalst habe. Es macht ja Spaß, aber es kostet natürlich auch Zeit.

Mein Tag hat 24 Stunden, so wie die von allen anderen Leuten auch. Er müsste aber mindestens acht Stunden mehr haben, damit ich mein tägliches Pensum erledigt bekomme. Privates, Berufliches, die häusliche Arbeit von Homebanking bis Bügeln und mein geliebtes Lesen – all das muss zwischen 5.45 Uhr morgens – dann klingelt mein Wecker – und irgendwann zwischen 23 und 24 Uhr – früher schaffe ich es nie ins Bett – gequetscht werden. Die Konkurrenz um die wenigen freien halben Stunden morgens zwischen Frühstück und Aufbruch zur Arbeit und abends zwischen Abendbrot und ins Bett gehen ist groß. Meinstens gewinnen die häuslichen Arbeiten, dann kommt das häusliche Vergnügen, und das bedeutet erst einmal das Aktuelle abzuarbeiten. Mails, Feedreader, das eigene Blog hier mit Texten bedienen und zwischendurch noch mal gucken, ob Kommentare eingegangen sind. Wo kann sich da noch ein Buch dazwischen quetschen?

Heute machen das Smartphone und das Tablet dem Buch Konkurrenz, früher war es das Fernsehen. Das gibt’s bei mir gar nicht mehr. Fällt komplett aus, bis auf die Nachrichten und Heutejournal/Tagesthemen. Darüber hinaus ist das Fernsehen der große Verlierer. Das Buch hat noch eine Nische gefunden – als Hörbuch, mit dem ich mir meine täglichen längeren Autofahrten versüße. Der Hör-Feedreader ist ja noch nicht erfunden.

Nachtrag: Nach dem Posten dieses Artikels auf Facebook habe ich zwei ausführliche Kommentare bekommen, die ich den Bloglesern nicht vorenthalten möchte.

Mein Jugendfreund Hans schrieb sehr ausführlich:

Seit 8 Tagen bin ich wieder Spiegel-Abonnent, aber beide Ausgaben habe ich schlichtweg vergessen, es fiel mir erst wieder ein, als ich die Ausgaben im Briefkasten sah. Erst dachte ich an erste Schübe von Demenz, bis mir aufging, Print spielt keine Rolle mehr in meinem Leben. Als vor genau 30 Jahren mein Vater mein Haus baute, nannte er ein Zimmer Kind I mit eigener Westterrasse. Als ich vor 7 Jahren in die Wohnung einzog, nannte ich das Zimmer hochgestochen „Medienraum“, vor wenigen Wochen erstand ich bei KiK ein kleines Plastik Hirschgeweih, das über dem Sofa hängt.

Die wertlosen Bücher in dem Raum aus 47 Jahren werden gehen müssen, denn seit Weihnachten heisst das Westzimmer nun Jagdzimmer. Für ein paar Wochen, denn ich weiß noch nicht, wie es heissen soll. Letztes Jahr wollte ich nie einen Laserdrucker und ein Laptop. Habe ich jetzt….Aber smartphone und Kindle….wil ich eigentlich nicht ….noch nicht. Im Verwandtenkreis wird heftig über das erste Smartphone in der Familie gesprochen, wahrlich ein Sündenfall, es gehört einer Neunjährigen.

Zurück zu dem wunderbaren Raum auf der Westseite, dem Jagdzimmer, demnächst : Fernseher raus, Radios aus 60 Jahren raus, Schallplatten raus, Musikcasseten raus, Videokasseten raus, DVDs raus….so oder so es wird Zeit für Kind I

Und auch meine geschätzte Ex-Kollegin Paula schrieb einen ausführlichen Kommentar:

Mir geht’s ähnlich. Aber was wird dann nur aus all den schönen Bücherregalen und -schränken? Werden unsere Gebrauchtbücher- und Regalberge bald billig in Entwicklungsländern abgeladen? Können moderne Medienmöbel den Umbruch in der Möbelbranche auffangen? Und wie sollen wir künftig unsere Belesenheit vor Besuchern dokumentieren, wenn wir nur noch digitales Zeug lesen??

Alle beide haben bedenkenswerte Aspekte beigesteuert. Danke dafür.

 

Ein Kommentar

  1. Bisher waren Ferienhausurlaube auf Fanø ganz gut, die Ungelesenen abzuarbeiten, aber nun gibts die EU-Flat und wir fahren mit dem Wohnmobil durch die Lande, auch habe ich das Stricken wieder für mich entdeckt – da schafft man lesetechnisch nichts mehr weg!
    Und ich habe wieder 6 Bücher zum letzten Geburtstag bekommen…

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