Fremde Heimat: Besuch in einer sterbenden Kleinstadt

Vor der Stiftskirche stehen Bühne und Tribüne, beide eingezäunt und der Zaun mit großen Fotoplanen verdeckt. Auf den Fotoplanen sind Hinweise auf die gespielten Stücke der Domfestspiele gedruckt, unter anderem der Slogan „Fremde Heimat“. Eine symbolträchtige Aussage. Ich habe gerade mal wieder meine Heimatstadt Bad Gandersheim besucht – und sie ist mir fremd geworden. Auch deshalb, weil es eine sterbende Stadt ist. Der Graben zwischen ihr und mir ist riesig.

Vor 33 Jahren bin ich aus dieser Stadt weggezogen. Ich bin in ihr geboren worden, habe dort meine gesamte Kindheit und Schulzeit verbracht und 1979 am heutigen Roswitha-Gymnasium mein Abitur abgelegt. Seitdem ist die Stadt nicht mehr Mittelpunkt meines Lebens. Sie war es aber lange. Nach der Schule waren wir oft im Eiscafé von Silvana, ich bin in der Stiftskirche konfirmiert worden und war als Jugendliche in der Milchbar, der einzigen Disco der Stadt. Irgendwann als ich 14 oder 15 Jahre alt war, zog das erste ausländische Restaurant in die Stadt ein, die Pizzeria „Bei Gino“, die es heute noch gibt. Silvanas Eiscafé aber ist genauso verschwunden wie die Milchbar. Geblieben sind nur leer stehende Ladenlokale.

Der einstige Mittelpunkt meiner Schüler-Freizeit: Silvanas Eiscafé (linkes Fenster).
Der einstige Mittelpunkt meiner Schüler-Freizeit: Silvanas Eiscafé (linkes Fenster).

Die leeren Schaufenster am einstigen Eiscafé sind nur ein Beispiel von vielen. Wo früher heimische Einzelhändler ihre Geschäfte hatten, herrscht heute nichts als Leerstand. Mein Vater hat oft gesagt, man hätte um die Stadt einen Zaun ziehen und ein Schild mit der Aufschrift „Museum“ dran hängen sollen. Nur so hätte die Stadt eine Chance gehabt, zu etwas Besonderem zu werden. Tatsächlich erinnert vieles im Ort an Ausstellungsstücke eines Heimatmuseums.

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Wie konnte es soweit kommen? Die Stadt hatte keine Chance. 7000 Einwohner zählte sie damals, in meiner Kindheit, dann wurden alle Dörfer drumherum eingemeindet, und nun hat sie 11 000 Einwohner, einschließlich der neuen Ortsteile. Die Stadt liegt auf halbem Wege zwischen Hannover und Göttingen und damit in keinem Speckgürtel, hat eine ruhmreiche Vergangenheit, aber keine Gegenwart und keine Zukunft. So wie mir ist es Generationen von Gymnasiasten gegangen. Sie haben nach dem Abi der Stadt den Rücken gekehrt, um zu studieren, und sind nie wiedergekommen. Denn es gibt kaum Jobs, kaum Chancen, vor Ort eine Existenz aufzubauen. Zumal es mit den diversen Gesundheitsreformen auch mit dem Kurbetrieb bergab ging. Heute sind aus Kurkliniken Reha-Kliniken geworden, und auch von denen stehen etliche leer, übrigens ebenso wie das Kurhaus, in dem ich meinen Abtanzball hatte und das heute als schäbiger Klotz hinter Blumenrabatten und Springbrunnen steht.

Einst Ort rauschender Bälle, heute leer und verlassen: das Kurhaus.
Einst Ort rauschender Bälle, heute leer und verlassen: das Kurhaus.

Wenn ich in meine Heimatstadt komme, fühle ich mich wie auf einem anderen Planeten. Dort wird eine Zeitung gemacht, die  noch genauso aussieht wie vor 30 Jahren, dort gibt es noch Geschäfte,  die geblümte Kittelschürzen verkaufen und auf deren Kleiderstangen vor der Ladentür Herrenunterhosen hängen. Früher schlossen die Geschäfte sonnabends um 12 Uhr, und ich glaube, viel länger haben sie heute auch nicht geöffnet. Früher gab es drei Tankstellen an einer Straße, heute ist eine davon ein Döner-Laden, die zweite eine Autowerkstatt, nur die dritte verkauft noch Benzin und Diesel. Das Schreibwarengeschäft hat sein Ladenschild seit über 30 Jahren nicht gewechselt, und nur an der Peripherie, wo sich Aldi und Lidl angesiedelt haben, hat sich etwas verändert. Ach ja, und es gibt jetzt einen Asia-Imbiss, so ganz ist die Zeit doch nicht an der Stadt vorbeigegangen.

Ich habe immer den Eindruck, seit meiner Schulzeit hat sich bei den Geschäften und Betrieben, die überlebt haben, nichts verändert. Aber die Überlebenden werden immer weniger. Es ist ein Eintauchen in eine andere Welt. Der Besucher wundert sich angesichts so viel Heimatmuseum-Gefühl, dass es immerhin leidliches mobiles Internet in der Stadt gibt. Der Eindruck, in einem Heimatmuseum zu sein, wird auch von Außenstehenden geteilt. „Das Städtchen war den Abstecher wert, wirkte etwas ,retro'“, schreibt Ulla vom Blog Ullas Orte in einem Bericht über einen Abstecher nach Bad Gandersheim.

Das Phänomen der schrumpfenden, der sterbenden Kleinstädte ist im Osten noch viel gravierender als im Westen. Bad Gandersheim liegt im Westen,  am Harzrand. Wie mag es da erst im Osten aussehen? Und welche Zukunft haben solche Städte. Werden sie zum großen Seniorenheim? Gewinnen sie je wieder Anziehungskraft für junge Familien? Früher war Bad Gandersheim Kreisstadt mit eigener Kreisverwaltung, beherbergte diverse Behörden. Natürlich, es gibt zwei größere Betriebe des produzierenden Gewerbes, aber sonst nicht viele Arbeitsplätze. Wer nicht Lehrer, Arzt oder Pastor ist oder ein Handwerk beherrscht, findet in einer solchen Stadt kaum eine Existenz.

Nett auszusehen – Bad Gandersheim hat eine historische Fachwerk-Innenstadt – und sich auf seine lange Geschichte zu berufen, reicht nicht aus. Ich werde weiter meine Heimatstadt besuchen, mit einem wehmütigen Gefühl im Bauch und einem besorgten Blick auf leer stehende Geschäfte und Häuser, die für Preise um die 50 000 Euro zu haben sind. Und ich werde jedes Mal, wenn ich wieder wegfahre, froh sein, dieser Stadt schon vor über 30 Jahren den Rücken gekehrt zu haben.

So ganz neu ist der Verfall übrigens nicht. Der Clusturm, Ziel vieler Spaziergänge meiner Kindheit, auf dem Berg hinter dem Haus meiner Eltern gelegen, war schon damals dem Verfall nahe.

6 Kommentare

  1. Ich hatte kürzlich ein ähnliches Erlebnis. Ich war zu Besuch bei meinem Opa. Der wohnt auch in einem kleinen übersichtliche Ort. Bis auf ein neues Wohngebiet am Ortsrand, sieht es fast noch genauso aus, wie vor 20 Jahren, als ich dort meine Ferien verbracht habe. Ist das ein gängiges Problem solcher Gemeinden?

  2. Liebe Jasmin, gerade die Verödnung der Innenstädte kann man in vielen mittelgroßen Orten beobachten. Einige trifft es mehr, andere weniger. Das hat sicher auch etwas mit der Lage zu tun. Wer außerhalb jedes Speckgürtels liegt, hat es besonders schwer.

  3. „Lebewohl deinem Untergang entgegen “ sagt ein Ehepaar das hier geboren , aufgewachsen , eingeschult , konfirmiert , geheiratet , zwei wundervolle Kinder bekommen hat , die ebenfalls hier aufgewachsen sind !
    Es ist langweilig , konservativ , öde , die Menschen sind unbeweglich neuem gegenüber ! Wie verlassen diese Stadt , die eine 72 jährige Bürgerin heute eine Geisterstadt nannte !
    LG Silke

  4. Der Beitrag ist hoch interessant. Wer den schleichenden
    Zerfall einer Stadt bemerkt, der kann nur noch die Scherben im Nachhinein zusammen kehren. All die Märkte auf der grünen Wiese, mit den riesigen Handelsketten, die gnadenlos ihre Interessen durchsetzen. Die kommunalen Rathäuser haben hier keine Kraft gegenzusteuern und lassen die Entwicklung laufen. Bad Gandersheim ist überall. Lediglich im Süden, in Bayern und in Baden-Würtemberg wird mutig gegengesteuert.

    1. Letztlich sind die Kommunen hilflos, auch gegenüber den Märkten auf der Grünen Wiese. Die Kunden stimmen mit den Füßen ab, und so lange sich alteingesessene Geschäfte nicht bewegen, ändert sich gar nichts. In Bad Gandersheim und anderswo gibt es immer noch Textilläden, die karierte Kittelschürzen und unaussprechliche Männerunterhosen auf Ständer vors Geschäft stellen. Ich frage mich immer, wie lange die das noch durchhalten. Es geht wohl nur, weil sie keine Ladenmiete zahlen müssen.
      Die Stadtoberen sind unbeweglich, die Einwohner sind unbeweglich, so kann sich nichts ändern. Wenn ich in meiner Heimatstadt bin komme ich mir oft vor wie in einer ganz anderen Welt.

  5. Liebe Susanne
    Es ist eine Geschichte, die so oder so aus vielen kleinen Landstädten und Landgemeinden erzählt werden könnte. Ich beobachte dies hier in den fünf mittelhessischen Landkreisen schon lange. Wir haben zwar hier unsere Unis in Gießen, Marburg und die Ableger der heutigen Technischen Hochschule Mittelhessen (vormals FH Gießen-Friedberg) in Gießen, Friedberg und Wetzlar. Aber auch die bundesweit höchste Studentendichte in der mittelhessischen Kernregion kann nicht über das stille Ausbluten in der Fläche hinwegtäuschen. Ich behaupte mit Verweis auf so manche kommunalpolitische Ansiedlungsbeschlüsse, dass viele Probleme hausgemacht sind: Wer Geschäfte durch den Bau von Umgehungsstraße abhängt und auf der grünen Wiese einen Supermarkt und Discounter nach dem anderen ansiedelt, wer die Leute letztlich zu immer weiterem Auspendeln bringt. darf sich nicht wundern, wenn der eigene Ort immer mehr ausblutet. Da kommt vieles zusammen: Die eigene Bequemlichkeit, die selber verursachte soziale Entkernung, die immer noch sorgsam gepflegte Grenze zwischen denen, die „schon immer“ da waren und denen, die schon seit 40 Jahren an einem Ort leben, aber trotzdem immer noch die „Zugereisten“ sind.
    Die Gründe, wieso die kleinen Landgemeinden genauso ausbluten wie so manches Stadtviertel, liegen oft genug im eigenen Hof. Nur: daran erinnert werden möchte niemand. Denn es ist immer einfacher, auf die widrigen, von außen herangetragen Ursachen zu verweisen. Darunter leidet Gandersheim, darunter leiden die vielen anderen……Beste Grüße aus Mittelhessen

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