In der Steinzeit der Zeitungsfotografie

In der Steinzeit der Zeitungsfotografie

Vor einiger Zeit habe ich hier einen kleinen Blick zurück geworfen auf die Fernübertragung von Zeitungstexten im Zeitalter vor Mail und Internet. Ähnlich abenteuerlich mutet heute der Rückblick auf die aktuelle Zeitungsfotografie im vordigitalen Zeitalter an. Da gibt es allerlei nette Histörchen, über die sich heute trefflich schmunzeln lässt. Zurück haben möchte ich diese Zeiten dennoch nicht.

Was viele noch kennen: Film sparen. 36 Bilder mindestens passten auf den Standard-Film, den Ilford 400 Asa SW in der weißen No-Name-Verpackung. Und weil ich damals frei arbeitete und die Filme selbst bezahlen musste, gehörte die Schere zum wichtigsten Utensil des Fotografen. Zum Termin gefahren, Fotos gemacht, anschließend Kamera in die Dunkelkammer gegeben – wir hatten Fotolaborantinnen. Die haben den Film abgeschnitten und entwickelt. Mit der Schere wurde dann die Lasche neu zugeschnitten und der restliche Film wieder eingelegt. Das ließ sich je nach Menge der Fotos öfter wiederholen, bewahrte aber nicht vor Überraschungen hinsichtlich der Zahl der Bilder, die bis zum nächsten Filmwechsel noch zur Verfügung standen.

Wobei Filmwechsel an sich immer ein heikles Thema war. Vor allem bei hektischen Außenterminen: Kamera in der Armbeuge balancieren, belichteten Film rausnehmen, dabei Block und Stift nicht fallen lassen, Film in die Tasche, neuen rausholen und einlegen. Wichtig: Filme dabei nicht vertauschen. Die Folgen waren verheerend. Ein Film leer, einer doppelt belichtet. Das aber passiert einem nur ein Mal. Dagegen hilft ein Trick: Lasche abreißen (ganz reindrehen ging nicht, das gab Beschwerden von den Laborantinnen, die dann die Filmkapsel knacken mussten).

Gar nicht einfach war es auch, erstens die Filme in die Redaktion zu bekommen und zweitens Bild und Bildunterschrift richtig zusammen zu fügen. Von vielen Orten in Schleswig-Holstein, an denen ich damals unterwegs war, nahmen Busfahrer die Filme mit (für die der volle Beförderungspreis zu zahlen war). Am Ziel, dem Ort der Zentralredaktion, holte ein Redaktionsbote – auch die gab es damals noch – die Filme ab. Diese Boten pendelten fast dauernd zwischen Zeitungshaus und Busbahnhof hin und her. Oder es ging zum Bahnhof. Denn gab es keine Busverbindung, musste der Redakteur draußen seinen Film zum nächsten Bahnhof fahren und ihn dem Zugführer mit auf den Weg geben. Ich weiß nicht mehr, ob auch dafür der volle Fahrpreis zu entrichten war.

Blieb noch das Problem, die richtige Bildunterschrift so auf den Weg zu bringen, dass der Tischredakteur, der beides zusammenfügen musste, nichts falsch machte. Da halfen genaue Beschreibungen, vor allem bei Menschen. Dumm nur, dass der Zusatz „dick, Brille, lacht“ eines Kollegen zwecks besserer Identifizierung eines der abgebildeten Männer aus Versehen gedruckt wurde. Darüber hat der dicke Mann mit der Brille dann gar nicht mehr gelacht.

Übrigens gab es schon damals Fotobearbeitung – allerdings nicht am PC, sondern mit Nagelschere, Klebstoff und Bleistift. Hatte jemand auf allen Fotos die Augen zu, wurden mit einem harten Bleistift auf dem Schwarzweiß-Abzug nachträglich welche auf die geschlossenen Lider aufgemalt. Bei dem damaligen Zeitungsdruck fiel das gar nicht auf. Und auch mancher Fußball, der auf den Sportfotos zu sehen war, ist so nie übers Spielfeld geflogen. Wie viele Fußbälle ich in meinem Leben aus anderen Fotos ausgeschnitten und mit Klebstoff in das gewünschte Bild geklebt habe, vermag ich nicht mehr zu sagen. Aber ich habe immer darauf geachtet, dass der Ball entsprechend der Bewegung des Spielers und seiner Blickrichtung einmontiert wurde. Ganz bestimmt.

Leider habe ich damals kein Archiv geführt, um die Bilddokumente jener Zeit zu bewahren. Dabei hätte ich Euch so gerne den dicken, lachenden Mann mit der Brille beim Torschuss gezeigt, wie er den nie existierenden Ball ins Tor lupft und dabei klar und deutlich mit offenen Augen die rechte obere Ecke anvisiert.

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