Texte wie Musik erklingen lassen

Wie kommt mein Chor in die Zeitung?

Binnenwahrnehmung ist nicht gleich Außenwahrnehmung. Niemand weiß das besser, als (Laien)Chöre und Musikrezensenten. Da übt ein Chor monatelang, um ein großes Werk auf die Bühne zu bringen. Ein besonderer Moment für alle Sänger, den sie gern auch öffentlich gewürdigt wissen wollen. Aber wer liest Konzertberichte? Nur die, die mitgesungen oder -musiziert haben und die, die im Publikum saßen. Sollten Zeitungen deshalb keine Berichte von Laienkonzerten mehr bringen?
Weiterlesen

Dann tu’s doch

Nein, ich will mich nicht einreihen in die Jammerer über das Denglishe, das unsere Sprache verhunzt. Denn es geht noch schlimmer.

Jüngstens Beispiel, das mir jetzt unterkommen ist: der „Tu’s Day“ der Initiative „Mehr wissen, mehr tun“. Anlass ist die Aktionswoche der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“, und Klassen und Arbeitsgemeinschaften werden aufgefordert, originelle Ideen für eine Tag zu entwickeln und umzusetzen. Und dann kommt noch so ein Wortungetüm. Vorgeschlagen wird etwa ein „Off-Knopf-Tag“. Vermutlich ein Tag, an dem der Off-Knopf elektrischer oder elektronischer Geräte gedrückt wird. Wobei es doch logischer wäre, sie gar nicht erst „on“ zu schalten, dann braucht’s auch keinen Off-Knopf.

Auf der Hompage der Aktion geht es dann lustig weiter mit den Sprachmarotten. „BesserWisser“, „AufGefallen“ und „Labelpark“ heißen die Unterkategorien. Schlimm genug, dass hier die schrecklichen Binnenmajuskeln verwendet werden, bei „AufGefallen“ schmerzen sie obendrein besonders, weil hier der Großbuchstabe im Wort völlig unvermittelt und sinnlos daherkommt.

Der „Tu’s Day“ richtet sich an Schüler, ebenso wie die Homepage. Da frage ich mich: Wäre es nicht gerade bei denen, die Tag für Tag in der Schule schwitzen, um gutes Deutsch zu lernen, besonders wichtig, ihnen ein gutes Vorbild zu sein? Die Idee soll doch überzeugen, nicht der Sprachfirlefanz, mit dem sie offenbar an die Jugendlichen gebracht werden soll. Wenn schon tun – was sowieso kein schönes Verb ist – dann doch bitte am „Tu’s Tag“, das hat wenigstens noch Sprachmelodie.

Die Initiative „Mehr wissen, mehr tun“:

http://www.mehr-wissen-mehr-tun.de/index.php?id=home

Daniel Grosse über „Die BinnenMajuskel – SchreibUngetüm aus der MarketingAbteilung“:

http://www.goethe.de/ges/spa/siw/de4465280.htm

Eine satirische Verteidigung der Binnen(M)majuskel:

http://www.phase-5.net/am-rande-der-philosophie/ueber-binnenmajuskel-und-kamelhoecker/

 

Lesen 2.0

Ich lese gern, ich lese viel, ich lese oft, ich lese beruflich, ich lese privat, ich lese, lese, lese . . .

Vor Jahren habe ich einmal befürchtet, mehr und schneller zu lesen, als geschrieben wird. Eine Befürchtung, die mir heute nicht mehr in den Sinn kommt. Seit es das Internet gibt, ist der Lesestoff förmlich explodiert. Nicht nur, weil mehr geschrieben wird, sondern weil der Zugang dazu viel unkomplizierter geworden ist. Aber zugleich selektiver.

Das Buch, die Freude an Literatur klammere ich in dieser Betrachtung aus. Es geht mir ums tagesaktuelle Lesen und ums informierende Lesen.

Dicke Zeitungswälzer, die „Zeit“,  die „Welt“, die „Süddeutsche“, gab es schon immer. Aber wer hat sie alle abonniert, alle gelesen? Jede Entscheidung für eine Zeitung war nur eine selektive. Nur die eine oder nur die andere. Heute stehen so viele gute Artikel im Netz, dass ich heute einen „Zeit“-, morgen einen „Welt“-Artikel lesen kann, ohne alle anderen der jeweiligen Ausgabe auch nur zu sehen. Ich suche gezielt aus, aber nicht mehr aus einer Zeitung, sondern aus vielen.

Das lässt sich auf Fachzeitschriften übertragen. Zu jedem Thema findet sich ein tief gehender Text im Netz. Was sonst noch in einem Heft steht, bekomme ich via Google gar nicht zu sehen, weil ich nach dem Schlagwort, dem Thema suche, das mich interessiert. Aber die, auf die ich per Zufall stoße, wenn ich im Heft blättere, um dann daran hängen zu bleiben, sehe ich gar nicht mehr. Da geht auch viel verloren.

Doch es gibt Zufallstreffer. Als Twitterer werde ich tagtäglich mit Links zu interessanten Artikeln gefüttert. Und von dort hangele ich mich oft über Links zu verwandten oder interessanten Themen weiter. Die Kunst, den User anzufüttern mit der guten Schlagzeile, genauer: Linkzeile, ist heute wichtiger denn je.

Hinzu kommen Blogs. Blogs zu allem und jedem Thema, Blogs für Gartenliebhaber, für Gartenarbeithasser, Blogs für Sprachfetischisten und Foto-Freaks, für Hundeliebhaber und Katzenfreunde, Blogs, Blogs, Blogs. So viel gute Texte, damit einem nie das Lesefutter ausgeht.

Oft wird dieses Futter hinuntergeschlungen. Und allzu schnell verdaut. Wir verschlucken uns nicht daran, sondern wir leiden an Lese-Bulimie. Uns mit etwas zu füttern, das wir bei uns behalten, ist die große Kunst der Schreiber im Online-Zeitalter. Das schaffen nur die wahren Könner des Wortes. Zum Glück gibt es sie heute genauso wie früher.

Juergen von Liechtenecker hat sich ausführlich zum Leseverhalten im Internet Gedanken gemacht:

http://liechtenecker.at/leseverhalten-im-internet/

Gilt für Zeitungen, aber auch fürs Netz – Wie man Leser zum Dableiben animiert:

http://www.diefeder.at/blog/2011/02/11/leseverhalten-was-animiert-wann-steigen-leser-aus/

Namen als Mengenbegriff

„Meyer, Müller, Schulze, Schmidt, machen jede Party mit“, hieß es früher. In Zeiten von Google und Yahoo haben es Meyer, Müller, Schulze und Schmidt sehr schwer, vor allem, wenn sie mit Vornamen wie Thomas, Michael, Andreas, Andrea, Stefanie oder Julia heißen. Das sind keine Namen, das sind Mengenbegriffe, sagen böse Zungen.

Ein Meyer-Müller-Schulze-Schmidt-Nachname, kombiniert mit einem Allerweltsvornamen, ist kein Alleinstellungsmerkmal in Zeiten des Internets. Und wer so jemanden googelt, egal ob Fremd- oder Ego-Googeln, muss oft lange suchen, bis er den oder die findet, die er sucht. Manchmal hilft der Beruf weiter, etwa bei Firmenchefs, oder die Branche. Geht es um Privatpersonen, wird die Sache ungleich schwieriger. Und so mancher Träger eines Allerweltsnamens wird im Suchmaschinen-Zeitalter schon oft über die Einfallslosigkeit seiner Eltern geschimpft haben. Wenn der Nachname schon nichts besonderes ist, könnte einen ja wenigstens der Vorname aus der Masse hervorheben. Der Politiker Meyer, einst CDU-Generalsekretär, verfügt immerhin über die schönen Vornamen Donatus Laurenz Karl, wobei er nur unter Laurenz Meyer bekannt ist. Der aktuelle Bundestag verfügt über sechs Müllers

nur einen Meyer/Meier/Mayer

zwei Schulz

und vier Schmidts

Um der Misere mit den Allterweltsnamen abzuhelfen, bleibt nichts anderes, als entweder auf eine ungewöhnliche Schreibweise zu setzen oder dem Allerwelts-Nachnamen ein Anhängsel zu verpassen.Die etwas andere Schreibweise, gekoppelt mit einem Doppelnamen, hebt Armin Mueller-Stahl aus der Masse der Müllers hervor, ebenso Marius Müller-Westernhagen. Müller-Wipperfürth gibt es im Netz gleich zwei Mal, einmal als Herrenschneider Alfons Müller-Wipperfürth, geborener Müller und Fabrikant in Wipperfürth, und einmal als Zahnarzt Müller aus Wipperfürth. Manchmal tut’s auch ein ungewöhnlich geschriebener Vorname, etwa Stefani (gibt es tatsächlich), um sich abzuheben. Wer auf keine dieser Varianten zurückgreifen kann, dem bleibt nur noch, jemanden mit einem ungewöhnlichen Nachnamen zu heiraten und dessen Namen anzunehmen.

Wer mag, kann hier gucken, wie häufig sein Nachname wo in Deutschland ist:

http://www.verwandt.de/karten/

Alles über Vornamen gibt es hier:

http://www.beliebte-vornamen.de/

Mit Namen befasst sich auch dieses Blog von Claudia Rothe:

http://www.namenschenken.de/2011/06/19/tipps-zur-vornamenwahl-anno-dazumal/

Und hier sinniert Kilian Evang vom Texttheater über Vornamen und Voruteile:

http://texttheater.net/vornamen-und-vorurteile

Denkmal auf vier Hufen

Am Sonntag war Tag des offenen Denkmals. Und Kaltbluttag in Mollhagen im Kreis Stormarn bei Hamburg. Kaltbluttag – das ist auch eine Art Denkmaltag. Die wuchtigen Pferde sind seit Beginn der Motorisierung in der Landwirtschaft zunächst fast völlig verschwunden. Heute sorgen Liebhaber dafür, dass diese Pferde nicht aussterben. Manchmal buchstäblich in letzter Minute, etwa bei den Friesen – zugegeben, heute keine reinen Kaltblüter mehr – und beim Schleswiger Kaltblut. Engagierte Züchter, vor allem der verstorbene Thomas Isenberg von Gut Kamp in Schleswig-Holstein, haben mit den letzten Schleswiger Hengsten diese Rasse gerettet. Ein Denkmal des Landes auf vier Hufen, das schleswig-holsteinische Ackerpferd schlechthin.

Die Mitglieder im Kaltblutverein Mollhagen, und nicht nur die, investieren heute viel Arbeit, Geld und Freizeit, um uns das Schauspiel, das diese Pferde bieten, zu erhalten. Ob vor dem Pflug, der Kutsche oder unter dem Sattel: Beim Kaltbluttag, der jedes Jahr tausende von Besuchern anzieht, zeigen sich die Kaltblüter von ihrer besten Seite. Wer sich dort aufmerksam umsieht, versteht schnell, dass der Spaß, diese Pferde zu besitzen und mit ihnen zu arbeiten, mit viel Aufwand verbunden ist. Zaum, Geschirr und Sattel müssen größer sein als üblich, die Pferdeanhänger stabiler und größer, die Zugautos ebenfalls. Zu besonderen Anlässen wollen die Dicken gestriegelt und gebürstet, die üppigen Behänge gebürstet, Mähnen geflochten und Geschirre gewienert werden. Die Pferde danken es ihren Besitzer mit Leistungswillen und ihrer Gutmütigkeit. Und wer glaubt, Kaltblüter seien behäbig, der wird bei den Darbietungen eines Besseren belehrt.

Die Kaltblutpferde-Freunde erhalten uns ein landwirtschaftliches Denkmal. Deshalb war der Tag des offenen Denkmals gerade der richtige Tag für den Kaltbluttag in Mollhagen.

[lg_slideshow folder=“Kaltbluttag in Mollhagen 2009/“]

[lg_slideshow folder=“Kaltbluttag in Mollhagen 2011/“]

Hier geht es zu den Akteuren von Mollhagen und einer Kurzbeschreibung des Kaltblutvereins:


http://www.pferdesport-hamburg.de/Kurzportrait_Kaltblutverein_Mollhagen_2007-08-04.pdf

http://www.hermann-drechsler.de/  

Übrigens: Der nächste Kaltbluttag findet in Mollhagen am 8. September 2012 statt.

Feng hui

In meinem Besitz befindet sich ein edles Tässchen. Es ist aus feinstem Porzellan, dick mit Gold belegt und, ebenfalls in Gold, mit Namen und Geburtsdatum meines Urgroßvaters beschriftet. Das ist ein böses Tässchen, habe ich jetzt erfahren. Es fesselt meine Gedanken und Gefühle in der Vergangenheit, lässt mich im Anno dunnemals verhaftet sein und ermöglicht es mir nicht, in die Zukunft zu denken und mich Neuem zu öffnen. Damit bin ich zur Erfolgs- und Glücklosigkeit verdammt.

Also weg mit dem Tässchen in den Müll! Ist doch sowieso nur sentimentaler Schrott. Sich beherzt von „ererbtem Krempel“ zu befreien, empfiehlt ein Feng-Shui-Ratgeber, der mir jüngst in die Hände fiel. Ist die Wohnung wieder hui statt pfui, sind auch die Energien frei, die uns angeblich glücklich machen.

Seitdem ich den Ratgeber gelesen habe, fühle ich mich ganz, ganz schlecht. Etwa wenn ich meine Grünlilie sehe mit ihren herabhängenden Ablegern. Die ziehen mich ’runter, sagt der Ratgeber, und seit ich es weiß, fühle ich mich so niedergeschlagen. Dann der ganze Nippes, der so schrecklich allein ist. Er beschert meinem Leben Einsamkeit. Erst paarweise auftretende Ziergegenstände, will mir der Ratgeber weismachen, powern die Energie in meiner Wohnung so auf, dass ich eine glückliche Partnerschaft erreichen kann. Woher sollen der eine Kerzenleuchter, die eine Maske aus Afrika und das eine Bild des befreundeten Malers auch wissen, dass ich überhaupt nicht einsam bin und längst einen Partner habe? Vielleicht sollte sich der so genannte Krempel mal meinem Energiefeld anpassen und nicht umgekehrt.

Das goldene Tässchen bleibt also, wo es ist. Auch wenn mein Urgroßvater laut Feng-Shui-Ratgeber schon in der geistigen Welt ist, in der es keine Anhaftungen an das Materielle gibt. Ich werde das edle Stück weiter in Ehren halten. Mein Energiefluss wird’s verschmerzen, wenn er im Geschirrschrank mal eine Kurve nehmen muss.

Blende verstellen am PC

Na klar, Fotografen wissen, wie sich Veränderungen von Blende, Belichtungszeit, Iso-Wert und Brennweite auf das Bild auswirken. Wie schnelle Bewegungen eingefroren werden, wann ein Bild beginnt zu rauschen. Aber eine kleine Spielerei im Netz macht nicht nur Anfängern Spaß: Der SLR-Camera-Simulator zeigt, wie sich ein Bild verändert, wenn der Fotograf am Regler für Blende, Zeit, Iso und Brennweite dreht.

Snapshot – und fertig ist das Foto.

Hier gibt es den Camera-Simulator zum Ausprobieren:
http://camerasim.com/camera-simulator.html

Man breitet sich aus

Stehen wir alle neben uns? Wie sonst ist es zu erklären, dass seit einigen Jahren eine sprachliche Marotte um sich greift. „Man“ statt „ich“ oder „wir“.

Gerade heute morgen hat es Lasse Becker, Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen, im Morgenmagazin vorgemacht. „Man“ müsse jetzt handeln, „man“ müsse politisch so agieren, dass es bei den Menschen spürbar sei, „man“ müsse jetzt die . . . und so weiter und so fort. Warum sagt er nicht, dass die FDP all das tun muss?

Lasse Becker steht damit nicht alleine da. Wer genau hinhört, wird im Freundes- und Bekanntenkreis, in Politikerreden, ja, sogar in Pressemeldungen und Leserbriefen, in O-Tönen im Fernsehen und bei Umfragen immer dieses „man“ statt „ich“ oder „wir“ finden. Wo es herkommt? Ich weiß es nicht, kann mir aber vorstellen, dass in diesem Fall das Französische schuld ist. In meiner Schwiegerfamilie dort spricht jeder von „on“, „man“, wenn er über sich spricht.

Leute, steht zu Euch. Sagt ich oder wir, wenn Ihr ich oder wir meint. Und selbst wenn andere gemeint sind, ist es immer besser, genau zu bezeichnen, wenn der Redner oder Schreiber tatsächlich meint.

Wer ist man? Etwas völlig Unpersönliches. Ein unbestimmtes Personalpronomen halt, mit dem ich keine bestimmte Aussage machen kann. Da bleibt alles im Ungefähren.


Mehr Sprachmarotten gibt es hier:

http://www.rhetorik.ch/Aktuell/worthuelsen/11_2004.pdf

Über die FDP, ihre Sprache und die Art, wie sie sich als Marke verkauft, besser: nicht verkauft, hat Ralf Schwartz nachgesonnen:

http://www.werbeblogger.de/2011/09/06/die-fdp-versteht-von-politik-ebensowenig-wie-von-markentechnik/

 

Wodkaverkauf nur an Autofahrer

Wer zu Fuß oder mit dem Fahrrad reist, reist streng genommen gar nicht. Jedenfalls wenn es nach den Ladenschlussgesetzen der Länder geht. Das hat seltsame Konsequenzen. Es bedeutet nämlich, dass Tankstellen außerhalb der Ladenöffnungszeiten Zigaretten, Naschkram, Kaugummi, Schnittblumen, Bier und sogar Hochprozentiges nur an Autofahrer verkaufen dürfen. Denn der Verkauf aller Tankstellen-Waren ist außerhalb der Ladenöffnungszeiten auf sogenannten Reisebedarf beschränkt. Und Radfahrer und Fußgänger sind nun mal nach dem Gesetz keine Reisenden.

http://www.bft.de/bft/article/artikel_-8589267137846589125.htm

Das ist auch höchst richterlich festgestellt worden:

http://www.juraforum.de/urteile/begriffe/tankstelle

Eine seltsame Regelung, die meines Wissens kaum eine Tankstelle beachtet und die die Scharen von jungen Leuten, die nachts an Tankstellen herumlungern oder sich dort vor dem Diskobesuch mit Alkoholika eindecken, bei deren Einhaltung auf Entzug setzen würde.

Das erinnert mich an ein Erlebnis, das wir in Frankreich hatten und das etwas über den seltsamen Umgang der Franzosen mit Alkohol aussagt. Gegen 18 Uhr unterwegs auf der Autobahn, hatten wir Durst und steuerten eine Raststätte an. Mit einem Wasser für mich  und einem Bier für meinen Mann aus der Selbstbedienungstheke gingen wir zur Kasse. Die Kassierin: „Das Bier kann ich Ihnen nicht verkaufen.“ Auf die Frage nach dem Warum erklärte sie, das sei hier eine Autobahnraststätte, dahin kämen Autofahrer, und die dürften keinen Alkohol trinken. Nun hat mein Mann gar keinen Führerschein und fährt deshalb nie Auto, aber die Madame ließ sich nicht erweichen. Kein Alkoholverkauf auf einer Autobahnraststätte. Auf die Frage, warum sie das Bier denn überhaupt in der Selbstbedienungsauslage hätten, kam die verblüffende, aber typisch französische Antwort: „Das ist für die Gäste, die etwas essen.“ Im Bewusstsein der Franzosen ist nämlich Alkohol zum Essen kein Alkohol.

Im Bewusstsein deutscher Gesetzeshüter sind Fußgänger und Fahrradfahrer keine Reisenden. Wandernde Handwerksgesellen und Radwanderer eingeschlossen. Da ist offenbar noch eine Aufgabe für die Lobbyarbeiter von Handwerkerschaften und ADFC.

Trittbrettfahrer beim Fototermin

Gut, dass die meisten Zeitungen, die in einem Ort erscheinen, so wenige Doppelleser haben. Sonst würde denen sofort ins Auge fallen, dass fast alle zu den jeweilen Texten die identischen Fotos drucken. Ein Ärgernis für alle ambitionierten Pressefotografen. Vor allem für die, die schreiben und fotografieren und es täglich mit Trittbrettfahrer-Fotografen zu tun haben.

Das Spiel ist immer gleich: Pressekonferenz, alle sitzen um einen großen runden Tisch, die Gastgeber erklären ihr Projekt, ihre neue Ausstellung, ihre Sommerakademie, ihre Jobbörse, was auch immer. Wenn alles gesagt ist, kommt der entscheidende Moment: Jetzt brauchen wir noch ein Foto, sagt irgendein Kollege. Und ein anderer fragt womöglich: Hat jemand eine zündende Idee?

Um Ideen bin ich nie verlegen. Und auch andere haben ihre Vorstellung, wie ihr Foto aussehen soll. Also wird arrangiert, was zu arrangieren ist. Merke: Nur ein gestelltes Pressefoto ist ein gutes Pressefoto. Gilt  nicht immer, aber oft. Nur zeigt die Erfahrung. Bei Massen-Pressekonferenzen – und die fangen für mich bei zwei Kollegen schon an – sind es immer dieselben, die eine Fotoidee umsetzen. Und ebenso immer dieselben, die  sich flugs neben den Fotografen stellen und genau das selbe Bild machen. Ist doch schon alles so schön hinarrangiert.

Was habe ich nicht schon alles an Tricks ausprobiert, um dieser Falle zu entgehen? Ganz aufs Foto verzichtet, weil ich kein Aufstellbild haben wollte. Oder einfach fotografiert und das Bild dann nicht veröffentlicht. Wozu, wenn es eh wenig bis keine wichtige Aussage enthält (Was im Sommerloch keine Rolle spielt, denn ein Foto spart mindestens 70 Zeilen). Die Akteure des Pressegesprächs gebeten, hinterher noch fünf Minuten Zeit für mich zu haben, um nach Abzug der Kollegen das gewünschte Foto zu machen. Das funktioniert manchmal, aber nicht immer, und außerdem bin ich selbst oft unter Zeitdruck.

Bleibt noch, die Dauer-Trittbrettfahrer zartfühlend auf das Thema anzusprechen, schließlich will man es sich mit den Kollegen nicht verscherzen. Doch damit habe ich bisher oft auf Granit gebissen. Die Antwort, die ich bekommen habe, ist so verblüffend einfach wie schwer zu widerlegen: Ach, das wollte ich denen doch nicht zumuten, sich jetzt noch einmal neu aufzustellen oder noch etwas anderes zu machen. Die haben ja auch viel zu tun und nicht so viel Zeit, da habe ich gedacht, ich erspare es ihnen. Darauf ist mir erst einmal gar nichts mehr eingefallen.