Spitzbergen: Wo die Sonne niemals schlafen geht

Spitzbergen: Wo die Sonne niemals schlafen geht

Spitzbergen, das Niemandsland im Nirgendwo, ist eine abweisende Schönheit. Schiffsreisen erschließen die Inselgruppe, auf der die Sonne im Sommer niemals schlafen geht.

Nördlicher kann der Mensch nicht kommen. Jedenfalls nicht so bequem wie an Bord eines Schiffes, und auch sonst nur sehr schwer. Spitzbergen, norwegisch Svalbard, das heißt „kalte Küste“, ist das Ziel sieben- und achttägiger Spritztouren, die die Postschiff-Reederei Hurtigruten  im Polarsommer anbietet. Zum Nordpol sind es nur von Spitzbergen aus nur noch 1000 Kilometer.

Überhaupt, der Polarsommer. Wie soll man ihn jemandem erklären, der ihn noch nie erlebt hat. Was für ein Gefühl es ist, mitten in der Nacht in der Sonne zu sitzen und Gefahr zu laufen, sich eine rot verbrannte Nase zu holen. Ganz abgesehen davon, dass sich dann, wenn es stets hell ist, ständig neue Ansichten einer grandiosen Landschaft auftun. Der Körper ist müde, aber der Kopf hellwach. Eine Erfahrung, die an Bord jeder macht und die auch die Vernünftigsten beizeiten den Weg ins Bett verpassen lässt.

Dabei ist das Drumherum, die Landschaft dieser Inselgruppe, auf den ersten Blick alles andere als spektakulär. Kein Baum, kein Strauch, allenfalls ein paar nur Zentimeter hohe Blumen und Flechten, ansonsten nichts als kahle, spitze Berge – nomen est omen – und Schneefelder. Kaum eine Landschaft könnte karger sein. Und doch. Fasziniert steht der üppiges Grün gewohnte Mitteleuropäer vor dieser grandiosen Kulisse, die in jedem Fjord ungewöhnliche Ausblicke bietet.

Und dann die Gletscher. Das Schiff läuft alle an, die ein Muss sind für Spitzbergen-Besucher. Den Raudfjordgletscher, den Monaco- Gletscher, den 14.-Juli-Gletscher. Im Angesicht von herabstürzenden Eisbrocken (der Gletscher kalbt) und steilen Hänge macht die Kreuzfahrt ihrem Anspruch, eine Expeditionskreuzfahrt zu sein, Ehre.

Raudfjord-Gletscher unter der Mitternachtssonne
Raudfjord-Gletscher unter der Mitternachtssonne

Expeditions-Seereisen verbinden das Angenehme einer Schiffsreise mit Anklängen an echte Abenteuer. Da werden die Passagiere mit kleinen, schnellen Motorbooten zu den Landgängen ans Ufer gebracht – im Nirgendwo sind Anlegepiers rar gesät – und müssen, wollen sie spektakuläre Aussichten genießen, felsige Hänge erklimmen. Manche Wanderung am Ufer eines Fjords stellt sich als mühsame Kraxelei über eine Steinwüste heraus. Niemand muss besonders trainiert sein, um das zu bewältigen, aber wer nicht zu mehr als einem gemütlichen Spaziergang bereit ist oder kein Interesse an Geschichte, Pflanzen und Tieren hat, ist hier falsch.

Sieht man sich die Passagiere an, sind Fehlbuchungen die Ausnahme. Sie sind allesamt stets wetterfest gekleidet und mit dem richtigen Schuhwerk ausgerüstet, viele sind Wanderer oder erfahrene Arktis-Besucher. Ganz Mutige stürzen sich sogar bei drei Grad Wassertemperatur in die Fluten. Fotoapparat und Fernglas gehören zwingend zur Ausrüstung.

Das zeigt sich spätestens bei einem der Höhepunkte der Reise, dem Besuch der Insel Moffen, ganz hoch oben, 32 Sekunden über dem 80. Breitengrad, dessen Überquerung an Bord mit einem Glas Sekt gefeiert wird. Moffen, das ist die Walross-Insel, an die das Schiff im Namen des Umweltschutzes nicht näher als 300 Meter heran darf. Hier aalen sich fette Walrösser im Sand und in der Sonne, und zwischendrin steht ein Eisbär und frisst irgendetwas, das den Blicken der Kreuzfahrer verborgen bleibt. Die kleben fasziniert an der Reling des Bugdecks und richten Kameras und Feldstecher auf die müden Walrösser und den Eisbären. Der, erfahren die Passagier erstaunt, ist 20 Kilometer vom nächst gelegenen Festland herbei geschwommen.

Hinter dem Eisbären sind alle her, wollen unbedingt einen sehen. Lebend und in der Wildnis. Ausgestopft ist ihnen der weiße Riese bereits begegnet, in der Ankunftshalle des Flughafen von Spitzbergens Hauptstadt Longyearbyen und ebenfalls ausgestopft im Museum der Stadt. Außerdem findet er sich auf T-Shirts, Schlüsselanhängern, Schnapsgläsern, Magneten, als Kuscheltier oder Socken-Motiv in den Andenkenläden entlang der Route.

Eisbärfell im Souvenirladen in Longyearbyen
Eisbärfell im Souvenirladen in Longyearbyen

Doch, es gibt ihn auch frei lebend, 3000 Exemplare wurden auf Spitzbergen gezählt, und einige davon entdeckt auch der Schiffsreisende. Oder die Crew, die immer nach dem Wappentier Svalbards Ausschau hält. Allerdings: Ohne Fernglas gibt’s auch vom weißen Riesen nicht mehr zu sehen als einen weißen Punkt weit hinten in der Landschaft.

Der nördlichste Norden

90 Grad nördlicher Breite – das ist die Position des Nordpols. Breitengrade sind immer ein Thema auf Spitzbergen, denn dort wird nicht mit Superlativen gegeizt. So viel Norden ist nirgendwo. Vor allem in Ny Ålesund, einer der drei „Städte“, die die Schiffe anlaufen. Was man hierzulande so Städte nennt.

Ny Ålesund (78°,50’N), heute Sitz der Forschungsstationen von elf Staaten, darunter einer des deutschen Alfred-Wegener-Institutes, häuft die Superlative geradezu auf. Neben der nördlichsten Lokomotive der Welt – einst für den Kohletransport gebraucht – stehen das nördlichste Café und der nördlichste Souvenirshop und das nördlichste Postamt der Welt. Außerdem verfügt der Ort über das nördlichste Spektrometer der Welt. Das alles in der nördlichsten ganzjährig bewohnten Siedlung der Erde. Ein paar bunt angestrichene Puppenhäuschen vor Schnee bedeckten Bergen im harschen Wind der Arktis. Dort leben im Winter 30 Menschen, im Sommer bis zu 200, meist Wissenschaftler.

Die nördlichste Lokomotive der Welt in Ny Alesund
Die nördlichste Lokomotive der Welt in Ny Alesund

Ny Ålesund ist eine von drei Landgang-Stationen, die die Kreuzfahrt-Passagiere über eine Gangway erreichen können und für die sie nicht ausgebootet werden müssen. Viel weiter als nur vom Schiff in die Siedlung führt der Weg vom Anleger in die russische Kohlebergbau-Siedlung Barentsburg (78°14’N), zumindest im Kopf. Wer dem Stadtführer Stanislav zuhört, ist versucht, ihm vorsichtig beizubringen, dass der Kommunismus längst tot und die Sowjetunion verschwunden ist. In Barentsburg lebt sie weiter, zwischen Agit-Prop-Kunst, der nördlichsten Lenin-Büste der Welt (wieder so ein Superlativ) und dem schwarzen Rauch aus dem Schlot des Kraftwerks. Tristesse wie einst überall im Ostblock. Stanislav aber erzählt voller Enthusiasmus, was der Staatstrust Arktikugol alles für die Kumpel von Barentsburg tue und wie gut es den 400 Einwohnern doch gehe.

Barentsburg - postkommunistische Tristesse
Barentsburg – postkommunistische Tristesse

Die Zeitreise führt über heruntergekommene Bürogebäude und Wohnhäuser, das Sportforum, den Souvenirladen und das Krankenhaus zum Hotel, in dessen gelb gekachelter Bar billiger Wodka ausgeschenkt wird und in dessen angeschlossenem Postamt sich die Reiseteilnehmer Postkarten mit Sondermotiven bestempeln lassen. Hinterher geht’s zu einer Folklore-Show mit russischen und ukrainischen Volksweisen. Und nebenan im Souvenirladen verkauft eine füllige Russin Matruschka-Puppen und mit Klarlack überzogene Kohlestückchen für ein paar norwegische Kronen.

Die Kohle war es, die die Menschen nach Spitzbergen lockte. Die Russen bauen sie noch heute ab. Die Norweger, die Amerikaner, alle waren sie hinter dem schwarzen Gold her und holten es aus den kahlen Bergen. Der Kohle verdankt auch die Hauptstadt Longyearbyen (78°10’N), 1906 benannt nach dem amerikanischen Geschäftsmann John Munro Longyear, ihre Existenz. Dort beginnen die Kreuzfahrten, und hier enden sie. Dort kommen die Passagiere mit dem Flugzeug an, erhaschen mit Glück beim Anflug auf die 1600-Einwohner-Stadt einen Blick auf die spitzen Berge in all ihrer Kälte und Unwirtlichkeit und fragen sich, was sie hier sollen. Nach der Landung geht es vorbei an tristen Industrieanlagen und am Hafen in den Ort, der seinen Charme erst auf den zweiten Blick kund tut. Auf kahlem Land stehen Legolandhäuschen, der einzige grüne Baum ist aus Plastik und steht auf einer Terrasse.

Lego-Häuschen in der Hauptstadt Longyearbyen
Lego-Häuschen in der Hauptstadt Longyearbyen

Aus der einstigen Bergbausiedlung ist ein quirliger Touristenort geworden. Souvenirshops, ein Sonnenstudio mit dem bezeichnenden Namen „Midnattssol“, Bars, Supermarkt, Postamt, Bank und ein Laden mit Pelztierfellen, in dem es sogar Eisbärfelle samt Kopf und Pranken als Kaminvorleger zu kaufen gibt. Die allerdings kommen aus Kanada und nicht von vom Eisbären-Archipel Spitzbergen. Deren berühmtestes Straßenschild, das vor Eisbären warnt, ziert beinahe alle Souvenirs.

Von Fangsmännern, Walfängern und Streifenfahrten im Polarmeer

Nicht viele Spuren haben die Seefahrer hinterlassen, die früher schon einmal auf Spitzbergen anlandeten, oder die wagemutigen Menschen, die in diesem unwirtlichen Land ihr Auskommen suchten. Von den Walfängern und ihrer Siedlung auf der Halbinsel Smeerenburg zeugen nur noch die Reste von Tranöfen. Die Walfangzeit blühte im 17. Jahrhundert.

Reste eines Tranofens auf Smeereburg im Magdalenenfjord
Reste eines Tranofens auf Smeereburg im Magdalenenfjord

Ein paar Hütten erinnern an die Pelztierfänger, die in der Polarnacht auf Sallyhamna überwinterten und von denen Guide Thomas aus Magdeburg absonderliche, aber „garantiert wahre“ Geschichten zu erzählen weiß. Etwa von dem Fangsmann (norwegisch: Tierfänger), der sich die Zeitungen eines Jahres sammeln ließ, sie mit zu seiner einsamen Hütte nahm und sich jeden Morgen eine in den Briefkasten steckte, um sie Tag für Tag zu lesen. Wer in eisiger Polarnacht monatelang ohne Licht allein in einer kleinen Hütte lebt, darf ein wenig seltsam werden. Alles andere als absonderlich sind die zwei jungen Frauen, die im vergangenen Juli und August zwei Monate auf der steinigen Landzunge Sallyhamna in einer Pelztierfänger-Hütte verbrachten. Sie geben im Auftrag des Sysselmanns (Gouverneurs) von Spitzbergen Obacht, dass niemand Naturdenkmäler oder geschichtliche Zeugnisse beschädigt oder gar wegschleppt. Ein durchaus notwendiger Wachdienst, laufen doch immer mehr Kreuzfahrer Svalbard an und spucken Hunderte von Touristen auf die sonst so einsamen Küsten.

Spitzbergen: Wo die Sonne niemals schlafen geht

2 Kommentare

  1. Herrlich, ein Urlaubsziel was ich mir für mich auch gut vorstellen kann. Ich weiß nicht, ob du Manfred Bartels aus der FC kennst ?! Er war auch schon mehrere Male dort unterwegs und hat immer sehr beeindruckende Bilder von dort mitgebracht. Wenn du ihn nicht kennst, dann such mal in der FC nach ihm :-)

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