Frauenleben in Pakistan
Die verkuppelte Braut
Rigiden Regeln sind die Frauen in streng moslemischen Staaten unterworfen: Schleierzwang, Berufsverbot, Unterdrückung. Ich habe bei einem Aufenthalt in Pakistan 1997 den Alltag der Frauen miterlebt. Auch wenn die Geschichte, die ich hier erzähle, schon etliche Jahre her ist: Sie Situation der Frauen hat sich in Pakistan nicht verändert. Sie sind eher noch mehr eingeschlossen als damals, obwohl das kaum möglich ist.
Die Braut hat Tränen in den Augen. Weinend verlässt Shazia (24) ihr Elternhaus, um in das Haus ihres Cousins und Ehemannes Sana (30) zu ziehen. Gefragt worden ist sie nicht, ob sie diesen Mann will. Die Hochzeit haben die Familien arrangiert. Das ist üblich und kann ein gutes und ein schlechtes Ende nehmen. Ich habe überaus glückliche Paare kennen gelernt, bei denen aus dem Hochzeitsarrangement echte Liebe geworden ist. Und ich habe unglückliche Frauen getroffen, deren Ehe unglücklich war und die erst einen erträglichen Zustand erreichten, als ihr Mann sich eine Zweifrau nahm. Der eine oder andere Pakistani hat mir stolz seine erste und seine zweite Familie vorgestellt. Hier hat der Begriff zweifacher Familienvater seine volle Berechtigung.
Shazia lebt in der Islamischen Republik Pakistan. Dort wird der Koran überaus ernst genommen. Frauenleben im Islam unterscheidet sich grundlegend von dem in christlich geprägten Gesellschaften.
Die Hochzeit von Shazia und Sana könnte so oder ähnlich auch in Afghanistan, im Iran oder im Irak stattfinden. Drei Tage steht die Braut im Mittelpunkt: herausgeputzt mit Geschmeide und kostbaren Gewändern, in stundenlanger Arbeit sorgfältig geschminkt, die Hände mit roten Henna-Mustern verziert, die Augen stets züchtig niedergeschlagen. Pakistanische Bräute lächeln nicht. Der einzige, der an diesen Tagen strahlt, ist Sana. Er durfte sich seine Frau aussuchen. Doch bis er sie an seiner Seite hat, vergeht eine lange Zeit. Erst nachdem der Mullah am zweiten Tag der Feier die Heiratsurkunde ausgefüllt hat, erst die Trauzeugen, dann die Braut, dann der Bräutigam, jeweils streng voneinander getrennt, unterschrieben haben, das Festessen vorbei ist und die Feier auch, fahren die beiden gemeinsam in sein Haus, wo das reich geschmückte Bett für die Hochzeitsnacht wartet. Über dem Paar baumeln auf Zwirn aufgefädelte Rosen und Girlanden aus Alufolie.
Mit dem Tag ihrer Hochzeit ist Shazia von der Obhut ihres Vaters in die Obhut ihres Mannes übergeben worden. Für sich selbst sorgen wird sie nie. Frauenleben im islamischen Staat. Das bedeutet Sorglosigkeit, aber auch Abhängigkeit. Erst vom Vater, dann vom Ehemann. Und ein Leben hinter „Purdah“. Wörtlich übersetzt bedeutet das Wort „Vorhang“, im übertragenen Sinne ist ein strenges Regelwerk damit gemeint, dem sich jede Frau unterwerfen muss.
Nehmen Vater und Ehemann das Gebot, die Frauen hinter „Purdah“ zu halten, ernst, sorgen sie dafür, dass ihre Frauen, Töchter und Mütter nie mit einem Fremden sprechen. Pakistanische Häuser haben Wohnzimmer, die von der Straße aus betreten werden können, damit Besucher erst gar nicht mit dem Frauenbereich in Berührung kommen. Als in der Familie von Sana Kaufinteressenten kommen, um das Haus zu besichtigen, werden die Frauen so lange in die Küche verwiesen. In vielen Häusern gibt es für Besucherinnen einen speziellen Eingang. Sind Gäste zum Essen geladen, klopfen die Frauen der Familie an die Tür zwischen Küche und Esszimmer, damit männliche Familienmitglieder die Speisen auftragen – natürlich nur den männlichen Besuchern. Die weiblichen Gäste sind über den Hintereingang in den Frauenbereich gegangen und essen dort. Nachdem die Männer fertig sind.
Der Bankangestellte Sheharyar Ashrat verteidigt die Vorschriften des „Purdah“. Er, der hoch gebildet ist und sich für modern hält, ist davon überzeugt, dass Frauen davor bewahrt werden müssen, mit Fremden zu sprechen. „Wir drohen bei Untreue und Ehebruch harte Strafen an. Dann müssen wir auch dafür sorgen, dass Frauen gar nicht erst die Möglichkeit haben, solche Taten zu begehen.“ Auf Ehebruch und Untreue steht die Todesstrafe, zu vollstrecken durch öffentliche Steinigung. Aber Männer treffen doch tagtäglich Fremde? „Das ist etwas ganz anderes.“ Glaubt Ashrat, dass Männer die besseren Menschen sind? „Natürlich.“
Auch Nusreen, 25 Jahre alt und mit abgeschlossenem Englisch-Studium, verteidigt die „Purdah“-Regeln. Sie findet es vollkommen in Ordnung, obwohl ihr der Vater verbietet, als Lehrerin zu arbeiten. Warum hat sie dann studiert? „Für mich und für meine Familie.“ Während der Ausbildung ist Nusreen jeden Tag von Vater oder Bruder zur Universität gebracht und wieder abgeholt worden. Das Bild gehört zu jeder Mädchenschule, zu jeder Frauenuniversität. Autos, Motorräder und Rikschas drängeln sich vor dem Tor. Männer und Brüder holen ihre Töchter und Schwestern ab. Damit sie bloß keinen Schritt unbewacht gehen.
Nusreen erklärt: „Unsere Religion schreibt uns diese Art zu leben vor. Wir schützen unsere Familienstrukturen damit und bewahren uns so vor sexueller Gewalt.“ Auf den Einwand, das würden die Männer nur anführen, um die Frauen hinter „Purdah“ zu halten, reagiert sie mit Unverständnis. Und auch Ashrat hat bloß Erstaunen übrig für die These europäischer Feministinnen, sexuelle Gewalt sei ein gesellschaftliches Problem und ein Problem der Männer und nicht die Schuld angeblich zu freizügiger Frauen.
Dabei ist diese Haltung vom islamischen Verständnis gar nicht so weit entfernt. Danach verfügen Männer über eine aggressive Sexualität, die nur durch Geschlechtslosigkeit der Frauen zu bändigen ist. „Wenn man eine Süßigkeit unbedeckt lässt, lädt man Schwärme schmutziger Wesen ein, sich darüber her zu machen und sie zu verderben“, schreibt der Autor M. Abul-Rauf.
Die daraus folgende Pflicht, Männer und Frauen strikt zu trennen, wird in Pakistan bis zur Vollkommenheit getrieben. Im öffentlichen Leben spielen Frauen so gut wie keine Rolle, nur selten sieht man sie im Straßenbild, und wenn, dann immer in männlicher Begleitung und häufig voll verschleiert. Berufstätige Frauen gibt es fast gar nicht, bis auf wenige Ausnahmen. Ärztinnen – Frauen dürfen sich nicht von Männern untersuchen lassen -, Lehrerinnen für die Mädchenschulen und -universitäten, ein paar Stewardessen und die eine oder andere Fernsehansagerin oder Schauspielerin. Und falls Frauen doch einmal nach draußen gehen, gibt es spezielle Einrichtungen für sie. Banken verfügen über Lady-Schalter, im öffentlichen Busverkehr gibt es Zwillingsbusse, die im Konvoi fahren. Einer ist für die Männer bestimmt, einer für die Frauen.
Auch die Hochzeit von Shazia und Sana wird nach den Regeln des „Purdah“ gefeiert. Am ersten Tag nehmen Braut und Bräutigam, jeweils im Haus ihrer Eltern, Abschied vom Junggesellenleben. Dabei sind nur Familienmitglieder, kein Grund also, Frauen und Männer zu trennen. Am zweiten Tag folgt im Haus der Braut die Trauungszeremonie mit dem Mullah und vielen Gästen. Gefeiert wird im großen Zelt, wie auch am dritten Tag, wenn die Familie des Bräutigams 400 Gäste einlädt. Das Zelt ist in der Mitte geteilt durch einen bis zur Decke reichenden Vorhang aus Teppichen. Auf der einen Seite die Frauen, auf der anderen die Männer. Und auf der Frauenseite thront auf einem Podest unter einem Baldachin die Braut, eingerahmt von ihren Schwägerinnen.
Draußen vor dem Zelt wird auf offenen Feuern für die Gäste gekocht. Aufgetragen werden die Speisen – Hühnchen und Lamm in scharfer Soße, Reis, Joghurt und süße Nachspeisen – zuerst auf der Männerseite. Erst wenn das Mahl dort beendet ist, wird auf der Frauenseite serviert.
Einen Tag später kehrt Shazia noch einmal ins Haus ihrer Eltern zurück, mit ihrem Ehemann. Nach zwei Tagen dort heißt es dann, endgültig Abschied zu nehmen. Weinend verlässt die junge Frau den Ort ihrer Kindheit. Fortan wird sie mit Sana, seinen Brüdern und ihren Frauen und Kindern im Haus seiner Familie leben. Bis an ihr Lebensende hinter „Purdah“. Denn egal wie als eine Frau im islamischen Pakistan ist, ob 17 oder 70, immer muss sie sich streng von den Männern getrennt halten. Um nicht deren ach so aggressive Sexualität herauszufordern.
Eine Besonderheit in Pakistan sind die Transvestiten. Sie kommen zu besonderen Anlässen in die Häuser, um dort zu tanzen. Das soll Glück bringen. Auch im Haus von Sana treten sie anlässlich der Hochzeit auf. Die “Zeit” hat ihnen eine Fotostrecke gewidmet.











ich habe gerade ihren artikel gelesen. Ich bin selber mit einen pakistani verheiratet udn habe als deutsche frau von 1983 bis 1998 in pakistan gelebt das war alleine meine entscheidung. Mein Mann hat weiter in Deutschland gearebeitet ud kam fast jedes Jahr . Ich lebte das leben der frauen nach, Ale mein schwager heirtaete weinewt seine frau und ich fragte sie warum. ich dachtesie wollte ihn nicht. Es ist der abschied aus dem elternhaus wenn die frauen heiraten. ich führte dort ein gutes leben leichter wie hier in deutschland. und nochmal zur aufklärung die meisten fruaen haben eine bildung und 50 prozent der frauen arbeiten auch. dazu gibt es 25 p0zent wo nicht arbeiten wollen dazu gehört meine schwiegertochter die jetzt hierin deutschland lebt. Die 25 % sagen wenn eine Mann seine frau und kinder nicht ernährern kann braucht er gar nicht heiraten. Ein junge aus armen verhältnissen bekommt nur selten eine frau. sie haben gar keine ahnung was die frauen dort für ansprüche an die männer stellen
Liebe Britta, danke für diesen offenen Erfahrungsbericht. Sie schreiben, dass die meisten Frauen eine Bildung haben und 50% der Frauen auch arbeiten. Können Sie mir sagen in welchen Berufen die Frauen arbeiten? Mich interessiert noch welche Ansprüche die Frauen an die Männer haben. Können Sie Beispiele nennen.
Herzlichen Dank
Ursl Bruntner
Liebe Britta,
viele Dank für diesen Erfahrungsbericht. Ich habe das Leben der Frauen so aufgeschrieben, wie ich es vor gut 15 Jahren erlebt habe. Sicher ist es vielleicht leichter, sich um nichts kümmern zu müssen und alles den Männern zu überlassen. Aber als Frau hätte ich doch gerne die Wahl, ob ich berufstätig sein will und in einem Beruf, den ich will. Diese Wahl haben die Frauen, die ich kennengelernt habe, aber nicht gehabt. Es gibt nur wenige Berufe, die Frauen in Pakistan offen stehen.
Davon abgesehen habe ich meinen Aufenthalt dort sehr genossen und viele nette und interessante Menschen kennengelernt. Die Reise dorthin war eine der schönsten meines Lebens.
Liebe Grüße, Susanne
Hallo Susanne
In 15 jahren änderst sich vieles, Aber es ist schön das es dein schönster Aufenthalt war. In welcher Stadt warst du denn? Viellicht sind wir uns begegnet vor 15 jahren lebte ich noch in Pakistan?
Mit lieben grüssen
britta
Liebe Britta,
ich war zu Gast in einer Familie in Faisalabad und habe dort auch die Hochzeit eines Mitgliedes meiner Gastfamilie miterlebt. Außerdem war ich in Lahore, wo mir besonders der Mogulpalast gefallen hat. Noch eindrucksvoller fand ich die Badshahi-Moschee mit ihrem großen Platz und den Kuppeln. Weitere Abstecher haben mich nach Taxila, Islamabad und Rawalpindi geführt. Das tollste aber war der Ausflug von Balakot mit dem Jeep und später mit dem Pferd ins Kaghan-Tal und zum Laike Saiful Muluk.
LG, Susanne