Fru Öttenpötter vertellt: Sahnetorte und sozialer Druck

Eine selbstgemachte Einhorntorte mit gekauftem Wiener Boden.

Eine Sahnetorte kann ein Statement sein. Das Statement, angekommen zu sein auf dem Dorf. Wer keine Sahnetorte backen kann oder will, gehört nicht dazu. Sahnetorte liefern reicht nicht. Selbstgebacken muss sie sein. Tiefkühltorten zählen nicht. Wer Tiefkühltorten auftischt, gehört nicht dazu.

Jüngst musste ich fürs Kind eine Geburtstagstorte backen. Es sollte eine Einhorntorte sein. Das Projekt ließ sich schwer an, da Muttern zwei linke Hände hat, auch und gerade beim Torte backen. Dank eines vorgefertigten Wiener Bodens und viel, viel Hilfe vom zu beschenkenden Kind wurde doch noch etwas daraus.

Dabei hätte ich viel lieber eine Schneeflockentorte gebacken. Schneeflockentorte kann ich. Einfach die Teile des Wiener Bodens mit Marmelade als Kitt dazwischen aufeinander kleben, das Gebilde rundherum mit Sahne bestreichen und mit Kokosflocken bestäuben. Fertig.

Immerhin, eine halbe bis eine dreiviertel Stunde ist dafür einzuplanen. Zeit, die ich grundsätzlich nicht habe. Aber auf dem Land muss man für Torten, selbstgemachte versteht sich, diese Zeit begeistert aufbringen. Das weiß ich spätestens, seitdem die Landfrauen mich anlässlich eines Feuerwehrfestes ins Gebet nahmen.

Es sollte ein ganz, ganz großes Ereignis werden, ausgerichtet für alle Feuerwehren der Umgebung. Landbewohner wissen: Es gibt nichts wichtigeres als die Feuerwehr und oberwichtig sind deren große Feste. Da legen sich die Gastgeber richtig ins Zeug. Die Feuerwehrmänner und deren Frauen oder die Feuerwehrfrauen und deren Männer aus den Nachbardörfern sind so sehr zu beeindrucken, dass über das Fest noch wochenlang geredet wird.

Eine der Aufgaben lautete, dass jede Familie im Ort eine Torte beizusteuern habe, abzuliefern zu einer bestimmten Zeit am frühen Sonnabend am Kühlwagen auf dem Festgelände. Nun haben normale Arbeitnehmer am Freitagnachmittag Zeit, sich Sahnetorten zu widmen. Journalistinnen wie ich haben freitags Doppelproduktion und oft einen bis in den späten Abend verschobenen Feierabend. Woher also die Zeit für die Sahnetorte nehmen?

Die Rettung heißt Tiefkühltorte. Genauer: hieße Tiefkühltorte. Mein Ansinnen, eine solche, eigenhändig aufgetaut, am Kühlwagen abzuliefern, stieß auf wenig Gegenliebe. Nein, wurde mir bedeutet, das gehe ganz und gar nicht. Überhaupt nicht. Der Einwand wurde vorgebracht mit empörtem Unterton. Selbstgemacht müsse die Torte schon sein, alles andere gelte nicht. Das nehme man nicht an.

Also habe ich mich an einem Juliabend gegen 23 Uhr in die Küche gestellt und Schneegestöber über Wiener Boden veranstaltet. Damit ist mein Ruf im Dorf nicht ruiniert und mir die Schneeflockentorte auf ewig ans Herz gewachsen.

Blöd nur, dass mittlerweile Motivtorten und Einhörner in Mode sind.

Fru Öttenpötter berichtet hier in unregelmäßigen Abständen über das Leben auf dem Lande.

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