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Ich war noch niemals in – ja wo denn?

Betonsanierung im Faulturm

Gerade habe ich in Jan Weilers „Buch der 39 Kostbarkeiten“ einen Text gelesen, in dem es darum ging, was er noch nie in seinem Leben getan oder erlebt hat. Zum Beispiel hat er laut seinem Text noch nie eine Fliege getragen. Während des Lesens habe ich darüber nachgedacht, was ich eigentlich in meinem Leben noch nie erlebt oder gemacht habe. Da musste ich lange nachdenken, und so richtig viel ist dabei nicht herausgekommen. Immerhin: Ich war noch niemals in New York. Und sonst?

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Wählen gehen – eine moralische Verpflichtung

Mein kleines Bundesländle Schleswig-Holstein wählt heute einen neuen Landtag. Seit Wochen nerven Wahlkampftermine, Wahlkampfmails, Wahlkampf-Hauswurfsendungen, Wahlkampf-Anzeigen und Wahlplakate. Ich frage mich immer, wer sich wohl von dieser geballten Flut an Argumenten und Slogans in seiner Entscheidung beeinflussen lässt. Aber zumindest kann so niemand übersehen, dass heute Wahltag ist. Und in einem gibt es für mich keine Wahl: wählen zu gehen.
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Die Piraten im Kopf

„Bundeswehr darf Piraten jetzt auch an Land verfolgen“, lautete eine Meldung von heute. Bundeswehr? Piraten? Verfolgen? Auch wenn die Piraten gerade wahlkämpfen, ist das doch noch lange kein Grund, ihnen Truppen auf den Hals zu schicken. Ach so, es sind gar nicht die Piraten gemeint, über die alle gerade reden. Sondern die Somalia-Piraten. Na dann.

So ist das mit Begriffen, die beinahe über Nacht eine neue Bedeutung erhalten. Nun habe ich mich gerade daran gewöhnt, dass ich bei dem Wort Piraten nicht sofort an Männer mit Enterhaken und Augenklappe denke – na ja, so sehen nicht mal mehr die Somalia-Piraten aus -, sondern an netzaffine Leute, die erfolgreich in die Politik streben. Da renne ich in die nächste Piraten-Falle, denke an Politiker, obwohl diesmal Verbrecher zur See gemeint sind. Wie gut, dass viele Medien inzwischen von Piraten und Somalia-Piraten schreiben. Damit es keine Missverständnisse in meinem Kopf gibt.

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Sommer hinter Glas

Noch vier Wochen, dann ist Frühlingsanfang. Der Winter hat uns dieses Jahr hier im Norden alles beschert, was man sich für einen norddeutschen Winter vorstellen kann: erst graues Schmuddelwetter, dann Schnee und strenger Frost, nun zwar Plusgrade, aber kalter Wind, der übers Land fegt. Doch wer genau hinschaut, konnte den ganzen Winter über den Sommer genießen. Hinter Glas und leider nicht gefühlt.
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Die Freude am schönen Schreibgerät

Der Ingenuity Black Rubber & Metal von Parker

Ich habe von jeher eine Leidenschaft für schönes Schreibgerät. Kugelschreiber mit schönem Design, edle Füllfederhalter, gerne mit Kolben statt Patronen. Meistens versage ich es mir aber, sie zu benutzen: zu gefährlich. Wie oft ist mir schon ein Lieblingskugelschreiber abhanden gekommen, weil er sich auf meinem Schreibtisch im Büro einfach in Luft aufgelöst hat. Wahrscheinlich willentlich oder unwillentlich eingesteckt, von jemandem, der kurz mal etwas notieren wollte. Ich fürchte aber, den schönen Schreibgeräten wird nun von ganz jemand anderem der Garaus gemacht: von der Computertastatur. Oder doch nicht?
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Bildkritik mit Mehrwert

Schloss Rundale in Lettland - vor (oben) und nach der Bearbeitung
Schloss Rundale in Lettland - vor (oben) und nach der Bearbeitung

„Klasse Foto“, „gefällt mir“ oder „interessante Perspektive“: Bildkritiken in Fotocommunitys – und damit meine ich nicht nur die eine – sind oft schnell hingehuscht. Beim Durchklicken wird hier oder da ein kurzer Satz fallen gelassen. Das hilft dem Fotografen nicht viel weiter, und letztlich sind solche Kommentare freundlich gemeint, aber nicht von großem Wert.

Dann gibt es noch „echte“ Bildkritiken Weiterlesen

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Lesen 2.0

Ich lese gern, ich lese viel, ich lese oft, ich lese beruflich, ich lese privat, ich lese, lese, lese . . .

Vor Jahren habe ich einmal befürchtet, mehr und schneller zu lesen, als geschrieben wird. Eine Befürchtung, die mir heute nicht mehr in den Sinn kommt. Seit es das Internet gibt, ist der Lesestoff förmlich explodiert. Nicht nur, weil mehr geschrieben wird, sondern weil der Zugang dazu viel unkomplizierter geworden ist. Aber zugleich selektiver.

Das Buch, die Freude an Literatur klammere ich in dieser Betrachtung aus. Es geht mir ums tagesaktuelle Lesen und ums informierende Lesen.

Dicke Zeitungswälzer, die „Zeit“,  die „Welt“, die „Süddeutsche“, gab es schon immer. Aber wer hat sie alle abonniert, alle gelesen? Jede Entscheidung für eine Zeitung war nur eine selektive. Nur die eine oder nur die andere. Heute stehen so viele gute Artikel im Netz, dass ich heute einen „Zeit“-, morgen einen „Welt“-Artikel lesen kann, ohne alle anderen der jeweiligen Ausgabe auch nur zu sehen. Ich suche gezielt aus, aber nicht mehr aus einer Zeitung, sondern aus vielen.

Das lässt sich auf Fachzeitschriften übertragen. Zu jedem Thema findet sich ein tief gehender Text im Netz. Was sonst noch in einem Heft steht, bekomme ich via Google gar nicht zu sehen, weil ich nach dem Schlagwort, dem Thema suche, das mich interessiert. Aber die, auf die ich per Zufall stoße, wenn ich im Heft blättere, um dann daran hängen zu bleiben, sehe ich gar nicht mehr. Da geht auch viel verloren.

Doch es gibt Zufallstreffer. Als Twitterer werde ich tagtäglich mit Links zu interessanten Artikeln gefüttert. Und von dort hangele ich mich oft über Links zu verwandten oder interessanten Themen weiter. Die Kunst, den User anzufüttern mit der guten Schlagzeile, genauer: Linkzeile, ist heute wichtiger denn je.

Hinzu kommen Blogs. Blogs zu allem und jedem Thema, Blogs für Gartenliebhaber, für Gartenarbeithasser, Blogs für Sprachfetischisten und Foto-Freaks, für Hundeliebhaber und Katzenfreunde, Blogs, Blogs, Blogs. So viel gute Texte, damit einem nie das Lesefutter ausgeht.

Oft wird dieses Futter hinuntergeschlungen. Und allzu schnell verdaut. Wir verschlucken uns nicht daran, sondern wir leiden an Lese-Bulimie. Uns mit etwas zu füttern, das wir bei uns behalten, ist die große Kunst der Schreiber im Online-Zeitalter. Das schaffen nur die wahren Könner des Wortes. Zum Glück gibt es sie heute genauso wie früher.

Juergen von Liechtenecker hat sich ausführlich zum Leseverhalten im Internet Gedanken gemacht:

http://liechtenecker.at/leseverhalten-im-internet/

Gilt für Zeitungen, aber auch fürs Netz – Wie man Leser zum Dableiben animiert:

http://www.diefeder.at/blog/2011/02/11/leseverhalten-was-animiert-wann-steigen-leser-aus/

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Die Last mit den Namen

Der Lübecker Altbischof hat so manchen Redakteur zur Verzweiflung getrieben – wegen seines Namens. Wie schreibt er sich nun richtig? Mit oder ohne Bindestrich zwischen Karl und Ludwig, Kohlwaage oder Kohlwage? Darüber ist nicht mal die Kirche selbst einig. In der Nordelbischen Kirche heißt er Karl Ludwig Kohlwage, beim evangelischen Nachrichtendienst EPD Karl-Ludwig Kohlwage. Immerhin bei der –wage mit einem a sind sie sich einig. Wer über Kohlwage schreiben musste, dessen Neid galt den Radiokollegen.

Lassen wir die Nachnamen mal beiseite, das ist ein zu weites Feld. Konzentrieren wir uns auf die Vornamen. Darin stecken schon genug Fallen. Günter (norddeutsch ohne h) oder Günther? Ralph oder Ralf, Stephan oder Stefan? Stephanie oder Stefanie? Rainer oder Reiner? Da kommt der alte Scherz gerade recht: Keiner wäscht reiner. Ja, kann sich Reiner/Rainer denn nicht selber waschen?

Es gibt kaum einen Vornamen, der sich eindeutig schreibt. Wer keine Fehler machen möchte, frage lieber nach. Ich weiß nicht, wie viele Eltern sich bei der Namenswahl darüber Gedanken machen, wie oft ihr Kind später einmal über die richtige Schreibweise Auskunft geben muss. Selbst angeblich eindeutige Vornamen wie Christoph oder Kurt – ich habe einen Kollegen, der heißt Curd – lassen mehrere Möglichkeiten zu.

Aber es geht noch komplizierter. Die zusammengesetzten Vornamen bergen noch mehr Stolperfallen. Karl-Heinz hat landläufig einen Bindestrich zwischen seinen beiden Vornamen, aber das ist längst nicht mehr selbstverständlich. Ich kenne einen Ernst-Otto und einen Ernst Otto.

Der eifrigste Namensforscher des Nordens, vielleicht sogar ganz Deutschlands, ist ein Mann aus Ahrensburg: Herr Bielefeld. Vorname? Knud! Mit d.

Hier schreibt Knud Bielefeld:

www.beliebte-vornamen.de/

Über die Namensgebung von Romanfiguren hat sich Jutta Miller-Waldner in ihrem Blog „Juttas Schreibtipps“ Gedanken gemacht:

http://juttas-schreibtipps.blogspot.com/search/label/Nomen%20est%20omen

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Voltaires Rätsel – wer kann es lösen?

Voltaire und Friedrich der Große unterhielten sich gegenseitig mit Rätseln. Für alle frankophilen hier ein besonders schönes. Die Auflösung gibt es morgen, bis dahin dürfen alle mal knobeln.

 

Friedrich der Große schrieb an Voltaire:

 

 

 

 

Voltaire  antwortete:

 

 

 

 

 

Wer knackt den Code?

 

Korrektur und Nachtrag: Olaf hat natürlich Recht: Es war anders herum, Friedrich fragte, Voltaire antwortete. Hab’s geändert.

 

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Leben aus zweiter Hand

Ich – das ist die Standardausrede – lese so etwas nur beim Arzt oder beim Friseur. So etwas, das sind bunte Blätter, Zeitschriften, die sich mit Promis und ihren Luxusproblemen, ihrem Liebesleben, ihrem Leben an sich befassen. Der Fall Kachelmann hat eindrucksvoll bewiesen, wie diese Blätter gefüttert werden wollen und müssen. Offenbar ein lohnendes Geschäft, denn dort werden Unsummen investiert. Um Unsummen damit zu verdienen. Denn auch die Klatschpresse rechnet mit spitzer Feder, und nur was sich verkauft, lohnt sich auch.

Wer liest so etwas außerhalb der Friseursalons und Arztpraxen? Ganz ohne sozialogische Studien oder repräsentative Umfragen fällt mir dazu ein: Leute, deren eigenes Leben farblos ist oder die es farblos finden. Wer Klatsch liest, leidet an einer Mangelerscheinung. Wer das eigene Leben als bunt empfindet, braucht keine bunten Blätter. Behaupte ich einfach mal so. Was schützt davor, außer beim Arzt oder beim Friseur der Yellow Press zu frönen? Viele Interessen außerhalb von royalen Häusern und dem Dasein von A- bis D-Promis. Eine umfassende Allgemeinbildung. Immer neugierig zu sein auf Neues, das es verdient, darauf neugierig zu sein. Und alles andere als Zuhause im Leben anderer Leute sein zu wollen. Informiert genug zu sein, um zu wissen, dass für die angeblich wahren Geschichten der echten und angeblichen Promis der alte Leitspruch gilt: „Von allem die Hälfte und noch ein bisschen abziehen, dann stimmt in etwa, was da behauptet wird.“

Am Fall Kachelmann, um auf das große Klatschthema dieser Tage zurückzukommen, gibt es auch für Nicht-Klatsch-Leser Interessantes. Aber das ist eben nicht das, was sich die Klatschblätter viel Geld kosten lassen. Sondern das, was kluge Gerichtsreporter und Gesellschaftskolumnisten durch akribische Beobachtung und gründliche Recherche zusammengetragen haben: das Funktionieren oder Nichtfunktionieren der Justiz. Die Spielchen der Prozessbeteiligten und die Ernsthaftigkeit eines Gerichtes, das sich unter mikroskopischer Beobachtung sah. Es lohnt sich, die unausgesprochenen Definitionen von Freispruch zu deklinieren, das Justizsystem auf den Prüfstand zu stellen und sich darüber Gedanken zu machen, wie sich Opfer von – vor allem sexuellen – Straftaten angesichts der Causa Kachelmann fühlen mögen und ob sie sich nun nicht lieber zwei Mal überlegen, Anzeige zu erstatten. Es lohnt aber auch darauf hinzuweisen, dass jeder Angeklagte das Recht hat, dass mit der vollen Wucht der Möglichkeiten nach der Wahrheit gesucht wird. Niemand will ein Fehlurteil, schon gar nicht, wenn es in einen Schuldspruch mündet.

Außer der Verteidigung, so ist es oft zu hören, gibt es nur Verlierer in diesem Verfahren. Kachelmann, sein angebliches oder tatsächliches Opfer, die Justiz. Wollen wir hoffen, dass die Opfer von Verbrechen und die Verfolgung der Täter nicht auch dazu gehören. Ob prominent oder nicht.

Der Klatschpresse sei gewünscht, dass es genug gut verkäufliche Themen jenseits von Verbrechen gibt. Das neue Kleid einer Schauspielerin bietet doch genug Stoff für gute Geschichten.

Die Urteilsbegründung des Landgerichts Mannheim im Fall Kachelmann:
http://www.landgericht-mannheim.de/servlet/PB/menu/1269214/index.html?ROOT=1160629