Daumen runter – was mir missfällt

Feng hui

In meinem Besitz befindet sich ein edles Tässchen. Es ist aus feinstem Porzellan, dick mit Gold belegt und, ebenfalls in Gold, mit Namen und Geburtsdatum meines Urgroßvaters beschriftet. Das ist ein böses Tässchen, habe ich jetzt erfahren. Es fesselt meine Gedanken und Gefühle in der Vergangenheit, lässt mich im Anno dunnemals verhaftet sein und ermöglicht es mir nicht, in die Zukunft zu denken und mich Neuem zu öffnen. Damit bin ich zur Erfolgs- und Glücklosigkeit verdammt.

Also weg mit dem Tässchen in den Müll! Ist doch sowieso nur sentimentaler Schrott. Sich beherzt von „ererbtem Krempel“ zu befreien, empfiehlt ein Feng-Shui-Ratgeber, der mir jüngst in die Hände fiel. Ist die Wohnung wieder hui statt pfui, sind auch die Energien frei, die uns angeblich glücklich machen.

Seitdem ich den Ratgeber gelesen habe, fühle ich mich ganz, ganz schlecht. Etwa wenn ich meine Grünlilie sehe mit ihren herabhängenden Ablegern. Die ziehen mich ’runter, sagt der Ratgeber, und seit ich es weiß, fühle ich mich so niedergeschlagen. Dann der ganze Nippes, der so schrecklich allein ist. Er beschert meinem Leben Einsamkeit. Erst paarweise auftretende Ziergegenstände, will mir der Ratgeber weismachen, powern die Energie in meiner Wohnung so auf, dass ich eine glückliche Partnerschaft erreichen kann. Woher sollen der eine Kerzenleuchter, die eine Maske aus Afrika und das eine Bild des befreundeten Malers auch wissen, dass ich überhaupt nicht einsam bin und längst einen Partner habe? Vielleicht sollte sich der so genannte Krempel mal meinem Energiefeld anpassen und nicht umgekehrt.

Das goldene Tässchen bleibt also, wo es ist. Auch wenn mein Urgroßvater laut Feng-Shui-Ratgeber schon in der geistigen Welt ist, in der es keine Anhaftungen an das Materielle gibt. Ich werde das edle Stück weiter in Ehren halten. Mein Energiefluss wird’s verschmerzen, wenn er im Geschirrschrank mal eine Kurve nehmen muss.

Man breitet sich aus

Stehen wir alle neben uns? Wie sonst ist es zu erklären, dass seit einigen Jahren eine sprachliche Marotte um sich greift. „Man“ statt „ich“ oder „wir“.

Gerade heute morgen hat es Lasse Becker, Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen, im Morgenmagazin vorgemacht. „Man“ müsse jetzt handeln, „man“ müsse politisch so agieren, dass es bei den Menschen spürbar sei, „man“ müsse jetzt die . . . und so weiter und so fort. Warum sagt er nicht, dass die FDP all das tun muss?

Lasse Becker steht damit nicht alleine da. Wer genau hinhört, wird im Freundes- und Bekanntenkreis, in Politikerreden, ja, sogar in Pressemeldungen und Leserbriefen, in O-Tönen im Fernsehen und bei Umfragen immer dieses „man“ statt „ich“ oder „wir“ finden. Wo es herkommt? Ich weiß es nicht, kann mir aber vorstellen, dass in diesem Fall das Französische schuld ist. In meiner Schwiegerfamilie dort spricht jeder von „on“, „man“, wenn er über sich spricht.

Leute, steht zu Euch. Sagt ich oder wir, wenn Ihr ich oder wir meint. Und selbst wenn andere gemeint sind, ist es immer besser, genau zu bezeichnen, wenn der Redner oder Schreiber tatsächlich meint.

Wer ist man? Etwas völlig Unpersönliches. Ein unbestimmtes Personalpronomen halt, mit dem ich keine bestimmte Aussage machen kann. Da bleibt alles im Ungefähren.


Mehr Sprachmarotten gibt es hier:

http://www.rhetorik.ch/Aktuell/worthuelsen/11_2004.pdf

Über die FDP, ihre Sprache und die Art, wie sie sich als Marke verkauft, besser: nicht verkauft, hat Ralf Schwartz nachgesonnen:

http://www.werbeblogger.de/2011/09/06/die-fdp-versteht-von-politik-ebensowenig-wie-von-markentechnik/

 

Wodkaverkauf nur an Autofahrer

Wer zu Fuß oder mit dem Fahrrad reist, reist streng genommen gar nicht. Jedenfalls wenn es nach den Ladenschlussgesetzen der Länder geht. Das hat seltsame Konsequenzen. Es bedeutet nämlich, dass Tankstellen außerhalb der Ladenöffnungszeiten Zigaretten, Naschkram, Kaugummi, Schnittblumen, Bier und sogar Hochprozentiges nur an Autofahrer verkaufen dürfen. Denn der Verkauf aller Tankstellen-Waren ist außerhalb der Ladenöffnungszeiten auf sogenannten Reisebedarf beschränkt. Und Radfahrer und Fußgänger sind nun mal nach dem Gesetz keine Reisenden.

http://www.bft.de/bft/article/artikel_-8589267137846589125.htm

Das ist auch höchst richterlich festgestellt worden:

http://www.juraforum.de/urteile/begriffe/tankstelle

Eine seltsame Regelung, die meines Wissens kaum eine Tankstelle beachtet und die die Scharen von jungen Leuten, die nachts an Tankstellen herumlungern oder sich dort vor dem Diskobesuch mit Alkoholika eindecken, bei deren Einhaltung auf Entzug setzen würde.

Das erinnert mich an ein Erlebnis, das wir in Frankreich hatten und das etwas über den seltsamen Umgang der Franzosen mit Alkohol aussagt. Gegen 18 Uhr unterwegs auf der Autobahn, hatten wir Durst und steuerten eine Raststätte an. Mit einem Wasser für mich  und einem Bier für meinen Mann aus der Selbstbedienungstheke gingen wir zur Kasse. Die Kassierin: „Das Bier kann ich Ihnen nicht verkaufen.“ Auf die Frage nach dem Warum erklärte sie, das sei hier eine Autobahnraststätte, dahin kämen Autofahrer, und die dürften keinen Alkohol trinken. Nun hat mein Mann gar keinen Führerschein und fährt deshalb nie Auto, aber die Madame ließ sich nicht erweichen. Kein Alkoholverkauf auf einer Autobahnraststätte. Auf die Frage, warum sie das Bier denn überhaupt in der Selbstbedienungsauslage hätten, kam die verblüffende, aber typisch französische Antwort: „Das ist für die Gäste, die etwas essen.“ Im Bewusstsein der Franzosen ist nämlich Alkohol zum Essen kein Alkohol.

Im Bewusstsein deutscher Gesetzeshüter sind Fußgänger und Fahrradfahrer keine Reisenden. Wandernde Handwerksgesellen und Radwanderer eingeschlossen. Da ist offenbar noch eine Aufgabe für die Lobbyarbeiter von Handwerkerschaften und ADFC.

Trittbrettfahrer beim Fototermin

Gut, dass die meisten Zeitungen, die in einem Ort erscheinen, so wenige Doppelleser haben. Sonst würde denen sofort ins Auge fallen, dass fast alle zu den jeweilen Texten die identischen Fotos drucken. Ein Ärgernis für alle ambitionierten Pressefotografen. Vor allem für die, die schreiben und fotografieren und es täglich mit Trittbrettfahrer-Fotografen zu tun haben.

Das Spiel ist immer gleich: Pressekonferenz, alle sitzen um einen großen runden Tisch, die Gastgeber erklären ihr Projekt, ihre neue Ausstellung, ihre Sommerakademie, ihre Jobbörse, was auch immer. Wenn alles gesagt ist, kommt der entscheidende Moment: Jetzt brauchen wir noch ein Foto, sagt irgendein Kollege. Und ein anderer fragt womöglich: Hat jemand eine zündende Idee?

Um Ideen bin ich nie verlegen. Und auch andere haben ihre Vorstellung, wie ihr Foto aussehen soll. Also wird arrangiert, was zu arrangieren ist. Merke: Nur ein gestelltes Pressefoto ist ein gutes Pressefoto. Gilt  nicht immer, aber oft. Nur zeigt die Erfahrung. Bei Massen-Pressekonferenzen – und die fangen für mich bei zwei Kollegen schon an – sind es immer dieselben, die eine Fotoidee umsetzen. Und ebenso immer dieselben, die  sich flugs neben den Fotografen stellen und genau das selbe Bild machen. Ist doch schon alles so schön hinarrangiert.

Was habe ich nicht schon alles an Tricks ausprobiert, um dieser Falle zu entgehen? Ganz aufs Foto verzichtet, weil ich kein Aufstellbild haben wollte. Oder einfach fotografiert und das Bild dann nicht veröffentlicht. Wozu, wenn es eh wenig bis keine wichtige Aussage enthält (Was im Sommerloch keine Rolle spielt, denn ein Foto spart mindestens 70 Zeilen). Die Akteure des Pressegesprächs gebeten, hinterher noch fünf Minuten Zeit für mich zu haben, um nach Abzug der Kollegen das gewünschte Foto zu machen. Das funktioniert manchmal, aber nicht immer, und außerdem bin ich selbst oft unter Zeitdruck.

Bleibt noch, die Dauer-Trittbrettfahrer zartfühlend auf das Thema anzusprechen, schließlich will man es sich mit den Kollegen nicht verscherzen. Doch damit habe ich bisher oft auf Granit gebissen. Die Antwort, die ich bekommen habe, ist so verblüffend einfach wie schwer zu widerlegen: Ach, das wollte ich denen doch nicht zumuten, sich jetzt noch einmal neu aufzustellen oder noch etwas anderes zu machen. Die haben ja auch viel zu tun und nicht so viel Zeit, da habe ich gedacht, ich erspare es ihnen. Darauf ist mir erst einmal gar nichts mehr eingefallen.

Heldinnen an der Wespenfront

Ich verneige mich in Ehrfurcht vor allen Bäckereifachverkäuferinnen. Sie sind die wahren Heldinnen an der Wespenfront – und lassen die Tierchen dabei gelassen links liegen.

Zeit für einen Kaffee. Also hinein in die nächste Bäckerei, Hackenkaffee holen, besser bekannt hierzulande als Coffee to go. In der Auslage reihen sich Plundergebäck an Apfeltasche, Pflaumenkuchen an Mandelhörnchen. Das alles umsummt von hungrigen Wespen. Die Kundin vor mir wählt ein Stück Kuchen aus, die Verkäuferin langt mit der Zange todesmutig in die Auslage. Mit keinem Blick würdigt sie die Wespen. Sie bedient die Kundin, als sei gar nichts los.

Ich weiß nicht, woher die Damen ihre Gelassenheit nehmen. Wie sie es schaffen, nicht mal einen Blick auf die stichigen Insekten zu werfen. Ich weiß nicht, ob es Bäckereifachverkäuferinnen mit Insektenstich-Allergie gibt. Alles Fragen, die mir beim Warten auf den Kaffee durch den Kopf gehen.

Ich weiß nur: Da wird Bienenstich verkauft, ohne dass jemand einen Wespenstich führchtet.

Wie gesagt: Ich verneige mich vor so viel Bravour der Bäckereifachverkäuferinnen.

Wer ähnliche Grandezza im Umgang mit den Tieren lernen will: Der Nabu gibt Tipps für den Umgang mit Hautflüglern, also Hornissen und Wespen:
http://www.nabu.de/tiereundpflanzen/insektenundspinnen/hautfluegler/wespenundhornissen/02624.html

Einen ganz anderen Aspekt habe ich im Netz gefunden: Einige Kunden finden es unhygienisch, wenn Wespen auf dem Kuchen sitzen. Sie würden mit ihren Füßen Bakterien übertragen, möglicherweise eklige Spuren transportieren. Etwas, worüber ich noch nie nachgedacht habe:
http://www.talkteria.de/forum/topic-67461.html
Ekelt es Euch vor Kuchen, auf dem Wespen gesessen haben?

Die gemeine Wespe

Gehört die Zauberflöte zur Allgemeinbildung?

Praktikant bei einer Tageszeitung, Anfang 20, Student, wird losgeschickt zu einer Aufführung von Mozarts „Zauberflöte“. Nein, er soll keine großartige Musikkritik schreiben, sondern nur einen Benefiztermin am Rand in Bild und ein paar Zeilen festhalten.

Frage an den jungen Mann: „Zauberflöte, schon mal gehört?“ Ja, davon habe er schon mal gelesen. „Ich meine, schon mal gehört, die Musik?“ Nein, meint er, bisher nicht. Ich trällere ihm kurz das Auftrittslied von Papageno, das Vogelfängerlied, vor. Nein, das kenne er nicht.

Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass es zu einer umfassenden Allgemeinbildung gehört, schon einmal im Leben ein Gedicht von Schiller gelesen, ein Stück von Brecht oder von Shakespeare gesehen, ein Gemälde von Dürer oder Picasso betrachtet zu haben. Zu wissen, worin sich eine romanische und eine gotische Kirche unterscheiden und zu erkennen, ob ein Garten im französischen oder im englischen Stil angelegt ist. Nur die klassische Musik, die wird offenbar komplett ausgeblendet. Ein Abiturient muss nicht wissen, wie ein Bruckner-Sinfonie klingt. Aber er sollte schon einmal die „Zauberflöte“ gehört und nicht nur von ihr gehört haben. Er sollte den Unterschied zwischen Bach und Mendelssohn-Bartholdy heraushören und ein Instrument, zumindest eine Instrumentengruppe am Klang unterscheiden können.

Musikbildung, das heißt nicht Hiphop von Rock unterscheiden zu können. Ich wünsche mir, dass klassische Musik wieder hipper wird. Damit ich dem nächsten Praktikanten nicht wieder die „Zauberflöte“ erklären muss.

 

Mutters neues Schuljahr

Der erste Tag im neuen Schuljahr ist da. Nun beginnen sie wieder, die Leiden einer Schulkind-Mutter. Jeden Tag zu Kloppenburg, sorry, das heißt jetzt Rossmann, und unweigerlich kommt dann auch der Kampf mit der Klebefolie.

Tag 1: Anruf im Büro. Mama, ich brauche ein Heft DIN A 4, liniert mit Rand mit blauem Umschlag, ein Heft DIN A 5 kariert ohne Rand mit gelbem Umschlag und ein Heft DIN A 4 kariert ohne Rand mit rotem Umschlag, dann eine blaue und eine gelbe Sammelmappe und einen grünen Schnellhefter, außerdem einen Collegeblock. Also rein in die Schlange all der Schulkinder und Mütter, die ihre Listen abarbeiten. Eine Liste gibt es allerdings ab Klasse 6 bei uns nicht mehr, sondern mit jeden Tag der Woche mit jedem neuen Fach eine neue Anforderung, was umgehend und bis zum nächsten Tag zu kaufen sei.

Tag 2 bis 5: Anruf im Büro. Wahlweise werden benötigt ein Vokabelheft und noch ein Vokabelheft, ein Notenheft DIN A 4 – das erfordert einiges an Sucharbeit – ein Bleistift Härte A oder B oder AB, dann noch einmal ein Heft DIN A 4 liniert ohne Rand, diesmal mit einem gelben Umschlag, und ein Heft DIN A 5 liniert ohne Rand mit grünem Umschlag, dazu noch einmal zwei Schnellhefter, einer blau, einer grün, und zwei Sammelmappen, was auch nichts andere ist als ein Schnellhefter, das  muss man nur wissen.

Irgendwann zwischen Woche 1 und Woche 3: Jeden Tag kommt das Kind mit einem anderen Lehrbuch nach Hause. Und jeden Abend hockt Mutter auf dem Fußboden und kämpft mit selbstklebender Einschlagfolie und Schere. Denn merke: Das Kaufen von Heften und das Einschlagen von Büchern hat immer, ich betone immer, von einem Tag auf den anderen zu erfolgen. Ob das die Lehrerin will oder das Kind, bleibt schleierhaft.

Doch seid getrost, ihr gestressten Mütter, irgendwann ist jedes Heft vorhanden und jedes Buch eingeschlagen, und dann beginnt das Schuljahr richtig und die Probleme nehmen nicht ab, sondern sehen nur anders aus. Schule ist und bleibt halt ein Abenteuer, nicht nur für die Kinder.

 

Schmerzhafte Erziehung

Was tun, wenn öffentlich einem Kind von einem Elternteil Schmerzen zugefügt werden? Wann darf, wann muss man einschreiten?

Ein großer Flohmarkt in einer mittelgroßen Kreisstadt. Eine typische Familie – Vater, Mutter, Sohn, Tochter – bummelt zwischen den Ständen entlang. Die Mutter bleibt ein wenig zurück, der Vater geht mit den Kindern, das Mädchen ist etwa acht bis zehn Jahre alt, voraus. Plötzlich scheint es, als ob der Sohn, etwa 12, 13 Jahre alt, irgendetwas falsch gemacht hat. Der Vater herrscht ihn an, greift dann seinen Unterarm und drückt zu. Zunächst sieht es so aus, als fasse er seinen Sohn nur am Arm, um dessen Aufmerksamkeit zu erregen. Doch dann drückt er immer weiter zu, so lange, bis dem Jungen die Tränen in die Augen steigen. Dann schickt der Vater sein Kind davon: „Geh ein paar Meter weg.“

Wenig später. Die Mutter geht mit ihrem weinenden Sohn Arm in Arm hinter Vater und Tochter her.  Zwei Frauen an einem Flohmarktstand sprechen die beiden an. „Das war ja wohl etwas heftig für einen Vater.“ Die Mutter zuckt die Achseln, sagt, da müsse sie wohl mal mit ihrem Mann reden.

Was ist das richtige Verhalten in dieser Situation? Sofort eingreifen? Dem schmerzhaft ausgeübten Erziehungsrecht des Vaters in den Arm fallen? Niemand hat es getan. Einzig die beiden Frauen haben eine Bemerkung gemacht, die vermutlich gar keine Wirkung hat. Allem Anschein nach duldet die Mutter das Verhalten des Vaters oder sie ist – was unwahrscheinlicher erschien – machtlos dagegen. Vielleicht heißt sie es sogar gut.

Mir geht der Junge geht mehr aus dem Kopf. Ich weiß nichts über diese Familie, aber es sieht so aus, als sei der schmerzhafte Würgegriff des Vaters nicht zum ersten Mal erfolgt. Ich war über den Vorfall, der sich ein paar Meter von mir entfernt ereignete, erst so perplex, dass ich gar nicht reagieren konnte. Und dann war es zu spät.

Ich hätte etwas sagen müssen.

 

 

Erlebnis Hotel

Wenn einer eine Reise tut . . . Na klar, dann kann er was erzählen. Wer eine Reise tut, ist auf fremde Betten angewiesen. Üblicherweise auf ein Hotel. Das kann zum Erlebnis werden, zumal, wenn man auf eigene Faust in Feriengebieten unterwegs ist und vorher kein Zimmer gebucht hat. Ich habe in einer Woche Deutschlandtour drei Kategorien von Hotels kennen gelernt: unmögliche, äußerst angenehme und oberspießige.

Unmöglich:

Am Main, die als Ort der Nachtruhe auserkorene Kleinstadt ist gerade Ziel einer Massen-Fahrradtour, alle Zimmer ausgebucht. Die freundlichen Damen der Tourist-Information empfehlen, einen Ort weiter nachzufragen. Etwa bei einem Weingut, das auch Fremdenzimmer vermietet. Anruf, Auskunft: Ja, wir haben noch ein Zimmer frei, allerdings ohne Dusche und Toilette, die liegen auf dem Flur, Sie sind aber die einzigen Benutzer. Na gut, mag gehen für ein, zwei Nächte. Also hin. Zimmer ansehen? Nein, es wird gerade fertig gemacht, Sie können gleich einziehen. Wir sind ein- und gleich wieder ausgezogen: ein gebrauchtes Pflaster unterm Bett, eine Erdnuss im Polster des durchgesessenen Sessels, verschwitzte Bettwäsche und ein zusammengeknüllter Zettel in der Ecke. Das alles für 50 Euro die Nacht. Nein Danke.

Äußerst angenehm:

Also noch einen Ort weiter gezogen. Veitshöchheim am Main, sieben Kilometer vor Würzburg. Es ist ein Doppelzimmer für uns frei. Perfekt. Der Gastgeber empfängt uns herzlich, fragt, ob wir Würzburg besuchen wollen, drückt uns auf unser Ja prompt einen Stadtplan von Würzburg, einen von Veitshöchheim, den Fahrplan der Mainschifffahrt mit den Abfahrtszeiten nach Würzburg in die Hand, empfiehlt uns einige gute Speiselokale im Ort, zeigt uns ein pieksauberes und großzügig eingerichtetes Zimmer – 71 Euro die Nacht für zwei –, druckt uns am nächsten Tag flugs einen Busfahrplan aus und serviert am nächsten Morgen ein exorbitantes Frühstücksbüffet mit Lachs und Tomaten-Mozzarella und allem Drum-und-dran. Einziges Manko: Das Haus liegt nicht gerade ruhig, gegenüber flitzt der ICE über eine Hochbahntrasse, und bei brütender Hitze wird es nachts unruhig, wenn die Fenster offen sind. Abgesehen davon ein höchst empfehlenswertes Haus.

Es ist das Hotel und Gästehaus am Rokokogarten in Veitshöchheim:

http://www.hotel-am-rokokogarten.de

Die Namen der beiden durchgefallenen Häuser will ich hier höflich verschweigen.

Oberspießig:

Weg vom Main, hin zum Edersee. Waldeck. Wieder Zimmersuche. Angesichts der Erfahrung am Main rufen wir in einem Haus an, bitten, das Zimmer zunächst besichtigen zu dürfen. Die Dame am Telefon gibt sich schmallippig, weist uns dann aber an, zu kommen. Von Anschauen ist nicht mehr die Rede, sie drückt uns die Zimmerschlüssel in die Hand und bemerkt noch: „Da Sie nur eine Nacht bleiben, muss ich fünf Euro Aufschlag pro Person berechnen.“ Na dann. Macht88 Euro pro Nacht für zwei Nasen. Das Haus ist aufwändig, aber stillos eingerichtet, strotzt vor Nippes, das Bad ist braun gefliest und auf dem Flur hängt wie früher in Kinderheimen üblich ein Gong. Wird damit zu den Mahlzeiten gerufen? Wir werden es nie erfahren. Denn die Damen gibt uns zu wissen, das Haus sei zwar auch ein Restaurant, man habe aber an diesem Tage so viele Hausgäste, an die 40, dass es nicht möglich sei, für zwei weitere Personen zu kochen. Wir mögen uns zum Essen in ein anderes Restaurant begeben. Wir fühlen uns so schnell als Gäste zweiter Klasse, halt keine Hausgäste, sondern NUR Übernachtungsgäste. Der Eindruck, in ein Kinderferienheim mit strengen Sitten geraten zu sein, setzt sich beim abendlichen Kauf eines Viertels Wein für den zimmereigenen Balkon fort: „Aber Glas und Karaffe wieder runterbringen“, wird mir mit auf den Weg gegeben. Selbstverständlich.

Merke: Nicht überall ist der Gast Gast. Er fühlt sich manchmal wie ein zu schröpfendes Wesen und manchmal wie zurechtgewiesen. Aber es gibt eben auch Orte, wo Gastfreundschaft noch genauso verstanden wird.

Zahltag für den Schulbus

Nun ist es soweit: Der 1. August ist in Schleswig-Holstein für alle Eltern, deren Kinder mit dem Bus zur Schule fahren, Zahltag. Ich habe gerade 122 Euro an den Schulverband überwiesen. Dafür, dass mein Kind jeden Tag 16 Kilometer mit dem Bus zur Schule fährt und nachmittags wieder zurück, zwei Mal unterwegs umsteigen und die meiste Zeit im Bus stehen muss.

Eingebrockt hat uns das die Landesregierung. Nach dem vor einigen Jahren ein erster Versuch, die Eltern an den Schulbuskosten zu beteiligen, gescheitert war, ist der zweite Anlauf gelungen. Die Kreistage haben zähneknirschend die Elternbeteiligung beschlossen. Weil ihnen der Zuschuss aus Kiel gestrichen wurde und weil sie die Kosten von mehreren hunderttausend Euro sonst selbst hätten tragen müssen. Da die öffentliche Hand überall am Rand der Pleite vorbeischrammt, blieb nur, die Eltern zur Kasse zu bitten.

Zugegeben, 122 Euro im Jahr oder zehn Euro pro Monat sind nicht allzuviel. Es geht aber ums Prinzip. Nicht nur, dass vor Jahrzehnten die Schulen auf dem Land geschlossen und stattdessen Schulzentren in den größeren Orten gebaut wurden. Alle Eltern bekamen gesagt, als Gegenleistung würden ihre Kinder kostenlos zur Schule gefahren. Eine Zusage, die lange gehalten hat. Nein, mit dem Zahltag 1. August 2011 ist auch ein Damm gebrochen. Bildung ist auf dem Land nicht mehr kostenlos. Auch wenn kein Schulgeld erhoben wird, das Busgeld will bezahlt sein, und Eltern haben keine Wahl. Alle Kinder müssen mit dem Bus zur Schule fahren, egal, welche weiterführende sie besuchen. Einzige Alternative wäre ein Fahrdienst der Eltern, aber das kostet Zeit und ist bei den hohen Spritpreisen sicher nicht günstiger.

Die Zeit des kostenlosen Schulbusses dürfte damit ein für alle Mal vorbei sein. Es gibt kein Zurück mehr, was einmal eingeführt ist, wird nicht wieder abgeschafft. Jeder, der das glaubt, ist naiv. Bleibt nur die Frage, wie lange die jetzige Elternbeteiligung hält, wann sie erhöht wird und was vielleicht noch an Eigentbeteiligung kommt.

Und noch ein Gedanke bewegt mich: Wenn ich schon zahlen muss, kann ich dann nicht wenigstens ein kleines bisschen mehr Komfort für mein Geld und für mein Kind erwarten?

Das schreibt die Landes-Elternvertretung dazu:

http://elternvertretungen.blogspot.com/2011/02/eltern-warnen-politiker-eine.html